Mit dem Wirtschaftsnobelpreis 2017 wurde mit Richard Thaler ein Mann geehrt, der unter sozial-ökologisch Orientierten in Europa eine große Fangemeinde hat. Thaler gilt als jemand, der das Menschenbild der Mainstream-Ökonomik erschüttert hat, also die Vorstellung vom Menschen als einem ständig rational kalkulierenden und den eigenen Nutzen über alles stellenden Wesen. Seine Anhänger sagen: Durch seinen verhaltensökonomischen Ansatz habe er gezeigt, dass Menschen auch von Werten und emotionalen Faktoren – zum Beispiel Bequemlichkeit und Verdrängung – zu ihren großen und kleinen Handlungen motiviert werden.

Zudem wird Thaler die Erfindung einer vermeintlichen Wunderwaffe im Umwelt- und Gesundheitsschutz zugeschrieben. Gemeint ist das Nudging. Es soll den trotz aller Aufklärung und Politik unverändert riesigen, menschheitsbedrohenden ökologischen Fußabdruck westlicher Menschen drastisch verkleinern helfen.

Nudging versteht sich als grundlegende Alternative zu klassischen Steuerungsansätzen wie Verboten oder ökonomischen Anreizen, die beispielsweise fossile Energie und damit Flüge, Autofahrten und tierische Nahrungsmittel teurer machen – etwa durch Emissionshandel oder Ökosteuern. Seine Verfechter sagen: Verbote und wirtschaftliche Anreize funktionierten nicht. Je nach Kontext seien sie völlig gescheitert oder nur in weichgespülter Form umsetzbar – und damit nicht so wirksam wie erhofft. Und weil die Menschen eben anders tickten als von der Mainstream-Ökonomik angenommen, sei daran auch nichts zu ändern.

Es stimmt schon: Würden sämtliche Menschen rein rational handeln, wären wir alle wohl hundertprozentige Ökos. Schließlich ist der Umweltschutz – auch rein ökonomisch – auf lange Sicht vorteilhafter als eine Welt der Öko-Katastrophen. Zwar würden einige Braunkohle- oder Öl-Manager wohl weiter versuchen, eigennützig maximalen Profit mit ihrem klimaschädlichen Geschäftsmodell zu machen; und ein paar Politiker und Lobbyisten würden sie dabei unterstützen. Aber die große Mehrheit der Wähler und Konsumenten würde dafür sorgen, dass diese Leute keine Macht behalten.

Es wird immer noch bergeweise Fleisch gekauft

Nur sieht man jeden Tag, dass es nicht so einfach ist. Dass wir mit dem Umweltschutz nicht weiterkommen, muss also – da haben Thaler und seine Anhänger recht – daran liegen, dass wir Menschen ziemlich emotional sind. Wir sind eben keine hundertprozentigen Umweltschützer, zum Beispiel aus Bequemlichkeit, aus Gewohnheit oder weil wir die Umweltfolgen unserer Autofahrten und Flüge verdrängen.

Daran will das Nudging ansetzen. Den Bürger sollen weder Verbote noch höhere Preise für Energie oder Ressourcen treffen. Vielmehr soll dem irrationalen Wesen Mensch durch staatliche Festsetzung ein "Stupser" in die richtige Richtung gegeben werden. Ein Beispiel: Man stellt Drucker so ein, dass sie automatisch doppelseitig drucken, und wer einseitig drucken will, muss sich erst einmal mühsam durchs Programm klicken – also genau umgekehrt wie im Moment. Ebenso wird vorgeschlagen, grünen Strom als Standardoption zu installieren; oder regionales und saisonales Gemüse im Laden viel sichtbarer als Fleisch zu platzieren. So sollen Bequemlichkeit, Gewohnheit und Verdrängung überlistet werden, um unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu schonen.

Kritiker finden das paternalistisch und bevormundend. Doch der liberale Staat hat gerade die Aufgabe, die Freiheit des Schwächeren vor der des Stärkeren zu schützen. Will er durch Nudging zum Beispiel die Schäden des Klimawandels verringern, schützt er nicht die Verursacher vor sich selbst, sondern sämtliche Mitmenschen – und das ist erlaubt. Diese Unterscheidung wird bei Richard Thaler wie auch bei seinen Kritikern nicht klar.

Der Haken beim Nudging liegt aber woanders. Im Kern beruht Nudging ja darauf, Gewohnheiten zu brechen, indem man eine Ausgangssituation verändert, also beispielsweise Kopierer umprogrammiert. Wohlgemerkt: Die Nutzer können ihre Kopierer jederzeit wieder umstellen, es gibt keinen Zwang und keine ökonomischen Anreize. Die Masse der relevanten Handlungen für den Klimaschutz – Fliegen, Autofahren, Heizen, Konsum tierischer Nahrungsmittel, Kauf von (zu) vielen Produkten aller Art – ist aber mit Nudging nicht ausreichend bekämpfbar. Auch wenn man Fleischtheken ganz hinten im Supermarkt versteckt: Es wird immer noch bergeweise Fleisch konsumiert – das zeigen auch Erfahrungen mit dem Auflisten verschiedener Speisen in Kantinen in variierenden Reihenfolgen. Und solange der Kohlestrom von seinen riesigen Umweltfolgekosten freigestellt und damit billig bleibt, wird nur eine Minderheit der Stromkunden grüne Energie beziehen.

Insgesamt verkennen die Nudging-Fans das Ausmaß der Herausforderung. Zwar mag Nudging in der Lage sein, die Menschen einen kleinen Schritt in die richtige Richtung zu schubsen. Aber Klimaschutz zum Beispiel bedeutet nicht, ein kleines bisschen besser zu werden. Sondern – so steht es rechtsverbindlich in Artikel 2 des Pariser Klima-Abkommens – die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad und besser noch 1,5 Grad zu begrenzen.

Große Veränderungen nicht durch Stupser

Das erfordert aber globale Nullemissionen in ein, zwei Jahrzehnten, wenn man die Daten des Weltklimarates (IPCC) zugrunde legt. Neben besserer Technik – erneuerbare statt fossile Energien – sind damit auch Verhaltensänderungen gefragt. Also nicht nur smarter, sondern auch weniger konsumieren. Nur durch Nudging aber kann man die Zahl der Flüge und Schnitzel nicht drastisch reduzieren. Nicht einmal den rein technischen Wechsel von fossilen zu regenerativen Energien schafft man allein mit einem Stupser.

Gerade Thaler und seine Unterstützer müssten durch ihre Verhaltensforschung eigentlich wissen, wie massiv die Widerstände gegen wirksamen Umweltschutz sind – unter den Bürgern, Politikern, Unternehmern. Eigennutzenkalküle wirken sich eben doch ungünstig aus, aber eben auch diverse Emotionen wie Bequemlichkeit, Gewohnheit, Verdrängung oder die Schwierigkeit, mir Klimatote vorzustellen, wenn ich allmorgendlich mit dem Auto zur Arbeit fahre. Zumal stecken wir alle in den Normalitätsvorstellungen einer fossil getriebenen Welt fest, zu der eben auch große Wohnungen und Flugreisen gehören. Dementsprechend ist weit mehr nötig als ein paar kleine Stupser.

All das erfassen Thaler und seine Anhängern zwar eher als die Mainstream-Ökonomik, aber eben nicht vollständig. Das liegt auch an ihren Methoden. Verhaltensökonomen vertrauen fast vollständig auf Experimente, und diese können die komplexe Realität nicht voll abbilden. Zudem versuchen die Versuchspersonen meist, den Erwartungen der Gesellschaft und der Forscher zu entsprechen. Folgerichtig wirken sie oft recht altruistisch – in der Realität dagegen gebe ich meine Urlaubsflüge, Autofahrten und Schnitzel trotz ganz viel Wissen und Altruismus dann doch lieber nicht auf.

Das größte Problem ist aber: Die Begeisterung für das Nudging verkennt, dass gesellschaftlicher Wandel nur im Wechselspiel der verschiedenen voneinander abhängigen Akteure gelingt. Die Frage, ob Umweltschutz mehr an den Verbrauchern, mehr an bösen Konzernen oder primär am fehlenden politischen Willen scheitert, beschreibt deshalb ein unlösbares Henne-Ei-Problem. Um Fortschritte zu erreichen, muss man an allen Ecken ansetzen, statt nur auf ein neues Wunder-Politikinstrument zu hoffen. Denn alles ist ja mit allem verbunden: Was Politiker wollen, hängt von uns allen ab; wir könnten uns ja andere wählen. Umgekehrt fiele mein persönlicher Konsum grüner aus, wenn der politische Rahmen anders gesetzt würde. Die Unternehmen wiederum hängen auch von ihren vielen Kunden und Arbeitnehmern ab, und den Kapitalismus gäbe es ohne unsere Wahl- und Kaufentscheidungen nicht.

Dass Menschen all das beiseiteschieben und lieber vereinfachend Sündenböcke ausrufen oder pseudo-einfache Wunderinstrumente feiern, liegt in der Evolutionsgeschichte unserer Natur und damit auch unserer Emotionen begründet: Die Welt ist eben oft zu kompliziert für uns. Deshalb kriegen einfache Wahrheiten schnell Zulauf, und zwar nicht nur von Populisten, sondern oft auch von Umweltschützern.

Druck für bessere Politik

Doch keine Wunderlösung der Welt kann uns den Wandel und seine Komplexität abnehmen. Und um den Wandel zu erreichen, muss einiges zusammenkommen: zum Beispiel, dass bestimmte Gruppen den Druck für eine bessere Politik erhöhen. Sich mit anderen zusammenschließen, neue Normalitäten ausprobieren und vormachen; das kann helfen, den Wandel zu erreichen. Denn weil Menschen Nachmacher sind, schließen sie sich Vormachern oft an. Und schließlich ist die Gesellschaft niemand "da draußen" – das sind wir alle, an jedem Tag und in jedem Moment.

Wird die Politik dann strenger, setzt das den Rahmen neu und macht auch bei den Unwilligen ökologischeres Handeln wahrscheinlicher. Die Politik muss allerdings mehr bieten als Stupser. Nötig wäre ein konsequenter Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen, wie von Artikel 2 des Paris-Abkommens nahegelegt.

Auch Preisanreize könnten helfen, unsere Bequemlichkeit und Gewohnheit zu bekämpfen – sie beeinflussen keineswegs nur unsere Eigennutzenkalküle. Sie müssen aber weit drastischer wirken und klüger gebaut sein als der fehlkonstruierte EU-Emissionshandel, dessen Mengenbegrenzung schlicht nicht ehrgeizig genug ist. Würde man, orientiert am Paris-Abkommen, die maximal zulässige Emissionsmenge schrittweise in zehn, zwanzig Jahren auf Null absenken, und bezöge man alle Sektoren wie Strom, Wärme, Mobilität und Landwirtschaft mit ein, dann verschwänden die fossilen Energien in der gewünschten Zeit schrittweise aus dem Markt.

Solche Instrumente können anders als das Nudging auch verhindern, dass alle den Eindruck haben, das eigene Handeln sei witzlos, weil die anderen nicht mitmachen – weswegen am Ende alle in die Katastrophe rennen, die eigentlich fast niemandem nützt. Denn einem klaren politischen Rahmen kann niemand ausweichen.