Das erfordert aber globale Nullemissionen in ein, zwei Jahrzehnten, wenn man die Daten des Weltklimarates (IPCC) zugrunde legt. Neben besserer Technik – erneuerbare statt fossile Energien – sind damit auch Verhaltensänderungen gefragt. Also nicht nur smarter, sondern auch weniger konsumieren. Nur durch Nudging aber kann man die Zahl der Flüge und Schnitzel nicht drastisch reduzieren. Nicht einmal den rein technischen Wechsel von fossilen zu regenerativen Energien schafft man allein mit einem Stupser.

Gerade Thaler und seine Unterstützer müssten durch ihre Verhaltensforschung eigentlich wissen, wie massiv die Widerstände gegen wirksamen Umweltschutz sind – unter den Bürgern, Politikern, Unternehmern. Eigennutzenkalküle wirken sich eben doch ungünstig aus, aber eben auch diverse Emotionen wie Bequemlichkeit, Gewohnheit, Verdrängung oder die Schwierigkeit, mir Klimatote vorzustellen, wenn ich allmorgendlich mit dem Auto zur Arbeit fahre. Zumal stecken wir alle in den Normalitätsvorstellungen einer fossil getriebenen Welt fest, zu der eben auch große Wohnungen und Flugreisen gehören. Dementsprechend ist weit mehr nötig als ein paar kleine Stupser.

All das erfassen Thaler und seine Anhängern zwar eher als die Mainstream-Ökonomik, aber eben nicht vollständig. Das liegt auch an ihren Methoden. Verhaltensökonomen vertrauen fast vollständig auf Experimente, und diese können die komplexe Realität nicht voll abbilden. Zudem versuchen die Versuchspersonen meist, den Erwartungen der Gesellschaft und der Forscher zu entsprechen. Folgerichtig wirken sie oft recht altruistisch – in der Realität dagegen gebe ich meine Urlaubsflüge, Autofahrten und Schnitzel trotz ganz viel Wissen und Altruismus dann doch lieber nicht auf.

Das größte Problem ist aber: Die Begeisterung für das Nudging verkennt, dass gesellschaftlicher Wandel nur im Wechselspiel der verschiedenen voneinander abhängigen Akteure gelingt. Die Frage, ob Umweltschutz mehr an den Verbrauchern, mehr an bösen Konzernen oder primär am fehlenden politischen Willen scheitert, beschreibt deshalb ein unlösbares Henne-Ei-Problem. Um Fortschritte zu erreichen, muss man an allen Ecken ansetzen, statt nur auf ein neues Wunder-Politikinstrument zu hoffen. Denn alles ist ja mit allem verbunden: Was Politiker wollen, hängt von uns allen ab; wir könnten uns ja andere wählen. Umgekehrt fiele mein persönlicher Konsum grüner aus, wenn der politische Rahmen anders gesetzt würde. Die Unternehmen wiederum hängen auch von ihren vielen Kunden und Arbeitnehmern ab, und den Kapitalismus gäbe es ohne unsere Wahl- und Kaufentscheidungen nicht.

Dass Menschen all das beiseiteschieben und lieber vereinfachend Sündenböcke ausrufen oder pseudo-einfache Wunderinstrumente feiern, liegt in der Evolutionsgeschichte unserer Natur und damit auch unserer Emotionen begründet: Die Welt ist eben oft zu kompliziert für uns. Deshalb kriegen einfache Wahrheiten schnell Zulauf, und zwar nicht nur von Populisten, sondern oft auch von Umweltschützern.

Druck für bessere Politik

Doch keine Wunderlösung der Welt kann uns den Wandel und seine Komplexität abnehmen. Und um den Wandel zu erreichen, muss einiges zusammenkommen: zum Beispiel, dass bestimmte Gruppen den Druck für eine bessere Politik erhöhen. Sich mit anderen zusammenschließen, neue Normalitäten ausprobieren und vormachen; das kann helfen, den Wandel zu erreichen. Denn weil Menschen Nachmacher sind, schließen sie sich Vormachern oft an. Und schließlich ist die Gesellschaft niemand "da draußen" – das sind wir alle, an jedem Tag und in jedem Moment.

Wird die Politik dann strenger, setzt das den Rahmen neu und macht auch bei den Unwilligen ökologischeres Handeln wahrscheinlicher. Die Politik muss allerdings mehr bieten als Stupser. Nötig wäre ein konsequenter Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen, wie von Artikel 2 des Paris-Abkommens nahegelegt.

Auch Preisanreize könnten helfen, unsere Bequemlichkeit und Gewohnheit zu bekämpfen – sie beeinflussen keineswegs nur unsere Eigennutzenkalküle. Sie müssen aber weit drastischer wirken und klüger gebaut sein als der fehlkonstruierte EU-Emissionshandel, dessen Mengenbegrenzung schlicht nicht ehrgeizig genug ist. Würde man, orientiert am Paris-Abkommen, die maximal zulässige Emissionsmenge schrittweise in zehn, zwanzig Jahren auf Null absenken, und bezöge man alle Sektoren wie Strom, Wärme, Mobilität und Landwirtschaft mit ein, dann verschwänden die fossilen Energien in der gewünschten Zeit schrittweise aus dem Markt.

Solche Instrumente können anders als das Nudging auch verhindern, dass alle den Eindruck haben, das eigene Handeln sei witzlos, weil die anderen nicht mitmachen – weswegen am Ende alle in die Katastrophe rennen, die eigentlich fast niemandem nützt. Denn einem klaren politischen Rahmen kann niemand ausweichen.