In einem Café im Washingtoner Hauptbahnhof Union Station wartet eine Person, die ihre Identität nicht preisgeben möchte. Seit Jahren arbeitet sie bei der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA – und sie will ihre Stelle nicht riskieren. Mit Journalisten spricht sie deshalb nur anonym und unter der Bedingung, alles, was man über sie schreibt, vorher zu sehen. Sie muss sicher sein, dass niemand sie erkennt. 

Und selbst das ist gewagt. Die meisten EPA-Mitarbeiter sprechen derzeit aus Angst gar nicht mit Medien. Die Person aber hat einem Treffen zugesagt, weil sie sich Sorgen um die wissenschaftliche Integrität der Behörde macht.

Sie erzählt Haarsträubendes: Die neue EPA-Leitung unter Behördenchef Scott Pruitt sei nicht daran interessiert, neue, durch peer reviews geprüfte Forschung als Grundlage für die Arbeit der Behörde zu nutzen. "Stattdessen interessiert sie sich dafür, Wissenschaftler zu nutzen, die keine anerkannten Experten sind, die enge Verbindungen zu von der EPA regulierten Branchen haben, und die oft für wissenschaftliche Positionen stehen, die mit der aktuellen Forschungsstand nicht im Einklang stehen." Dies könne "zu Entscheidungen führen, die schädlich für die menschliche Gesundheit und die Umwelt sind, zu Entscheidungen, die die neueste Forschung ignorieren und Partikularinteressen nutzen."

Mit anderen Worten: EPA-Chef Scott Pruitt ignoriere die Wissenschaft zum Nutzen der Industrie und zum Schaden der Bürger.

Wirtschaft statt Umwelt

Seit fast einem Jahr ist Donald Trump im Amt, Pruitt leitet seit fast zehn Monaten die Umweltbehörde. Recherchefragen für diesen Artikel ließ das Büro des EPA-Chefs unbeantwortet. Doch auch so ist in Pruitts Amtszeit bislang deutlich geworden: Dieser Regierung sind wirtschaftliche Interessen wichtiger als vieles andere – auch als der Umweltschutz.

An der EPA, deren Auftrag es ist, die Umwelt und menschliche Gesundheit zu schützen, kann man das besonders gut beobachten. Unter Trump und Pruitt wurden Dutzende ihrer Vorschriften rückgängig gemacht, auf Eis gelegt, abgeschwächt oder der Zeitpunkt ihres Inkrafttretens in die Zukunft verschoben – meist zum Nutzen der Chemie-, Öl-, Gas- und Kohleindustrie.

Dabei geht es nicht nur um die Klimapolitik. Ein paar Beispiele: Trump war kaum im Amt, da unterzeichnete er ein Gesetz, das es Bergbaufirmen erleichtert, ihren Abraum in Flüsse und Wasserstraßen zu kippen; und er reduzierte die Menge der besonders geschützten Waters of the United States per Erlass radikal. Pruitt seinerseits lässt in der EPA Dutzende von Regeln überprüfen, darunter Vorschriften zur Entsorgung von Asche aus Kohlekraftwerken sowie Quecksilber- und Schwermetallgrenzwerte für Luft und Wasser. Unter ihm lehnte die EPA – gegen den Rat der Wissenschaftler aus dem eigenen Hause – ein Verbot des Pestizids Chlorpyrifos ab, das im Verdacht steht, Entwicklungsschäden bei Kindern zu verursachen.

Kündigung aus Protest

Hunderte Mitarbeiter haben die EPA in den vergangenen Monaten verlassen. Manchen bot man eine Abfindung an, andere machten Pensionsansprüche geltend. Elizabeth Southerland ist eine von ihnen. 30 Jahre lang hat sie bei der Behörde gearbeitet, zuletzt in leitender Position in der Wasserschutzabteilung. Southerland hat erlebt, wie die neue Führung die Gewässerschutzregeln gegen die dringenden Empfehlungen von ihr und ihren Kollegen aufweichte. Sie kündigte aus Protest. Und ging damit an die Öffentlichkeit.

In einer ruhigen Ecke im Untergeschoss der Union Station spricht sie von ihrem Frust über Pruitt. "Er hört gar nicht zu", sagt Southerland, eine resolute, zierliche Dame, und klingt immer noch verärgert. "Scott Pruitt interessiert sich nicht für abweichende Meinungen. Nur für den Standpunkt der Industrie."

Im Stab sind Kohlelobbyisten und Gegner der Klimapolitik

Sie ist nicht die einzige, die so etwas sagt. Terry Yosie ist Präsident und Geschäftsführer des World Environment Center (WEC), einer Non-Profit-Organisation in Washington, die mit Unternehmen, Umweltorganisationen, Behörden und Forschern zusammenarbeitet, um Nachhaltigkeit in der Wirtschaft zu erreichen. Yosie hat für die Chemieindustrie gearbeitet und für die Ölkonzerne – und er war Direktor des Science Advisory Boards der EPA, das die Behörde wissenschaftlich berät.

Yosie kennt beide Seiten: die Umweltschutzbehörde und die Industrie. Er hat weiterhin Kontakt zu EPA-Mitarbeitern. "Nachhaltigkeit ist ein fremdes Konzept für Scott Pruitt und seine Leute", lautet sein Vorwurf. Er habe um ein Treffen mit Pruitt gebeten, sagt Yosie, doch der habe abgelehnt. "Sie sprechen nur mit ihren Unterstützern und mit Unternehmern."

Für die fest angestellten Mitarbeiter der EPA – Anwälte, Wissenschaftler oder andere Fachleute – bleibt der neue Chef undurchsichtig. Viele dringen nicht einmal zu ihm vor, berichten Medien. Pruitt gebe so gut wie keine schriftlichen Anweisungen, sagte John O’ Grady, gewerkschaftlicher Vertreter der Angestellten im EPA-Regionalbüro in Chicago, der Zeitschrift Mother Jones: Er verhalte sich "wie ein guter Anwalt, der keine Papierspuren hinterlässt".

Pruitt brachte seine eigenen Mitarbeiter mit in die Behörde. Das macht jeder neue EPA-Chef so – aber Pruitt wählte Lobbyisten der Kohle-, Öl- und Chemieindustrie und Gegner einer aktiven Klimapolitik aus.

Wie fruchtlos der Versuch sein kann, den Austausch mit Pruitt und seinen politischen Mitarbeitern zu suchen, hat Southerland erlebt. Sie kämpfte mit ihrem Team dafür, die Gewässerschutzvorschriften zu erhalten. "Wir hatten alle Fakten", sagt sie. Zweimal habe Pruitt sie empfangen, aber er nicht auf ihren Vortrag reagiert. "Er gab keinerlei Feedback", sagt sie. Seine Mitarbeiter stellten ein paar Verständnisfragen, darüber hinaus gab es keine Resonanz. 

Unbehandelte Kohleasche

Es war, als sprächen Southerland und ihre Kollegen mit einem Schwarzen Loch, das alle ihre Informationen spurlos verschlang. "Wir wussten auch nicht, mit wem Pruitt sonst redete", sagt sie. Das sei besonders schlimm gewesen: "Wir kannten ihre Argumente nicht. Also konnten wir sie auch nicht widerlegen, so wie es unter früheren EPA-Chefs üblich gewesen wäre." Am Ende entschied Pruitt im Sinne der Industrie und erlaubte die Entsorgung von unbehandelter Kohleasche und giftigen Abwässern in Deponieteichen. Diese Teiche, sagt Southerland, gingen häufig kaputt; dann würden  Oberflächengewässer und Grundwasser kontaminiert. Deshalb hatte sie im Jahr 2015 durchgesetzt, dass Kohlekraftwerke ihre Rückstände behandeln müssten. Genau diese Regel setzt Pruitt nun außer Kraft.

Normalerweise spricht ein EPA-Chef mit Umweltschützern, Gesundheitsaktivisten, Wissenschaftlern und Industrievertretern. Sein Job ist es, alle Perspektiven zu kennen. Pruitts Kalender aber zeigt: Er trifft sich fast nur mit der Industrie, zum Beispiel mit hochrangigen Vertretern von BP, Chevron, Duke oder Murray Energy. EPA-Wissenschaftler hingegen werden zu wichtigen Treffen oft nicht eingeladen. Sie können ihre Expertise also nicht einbringen, sondern erhalten durch Pruitts politische Mitarbeiter Anweisungen von oben herab.

Unter Pruitts Vorgängern habe auch die Industrie eine Stimme gehabt, sagt Southerland. "Wir wurden mit den Argumenten der Gegner konfrontiert – und waren dann gefordert, sie zu widerlegen." Das sei nicht immer einfach gewesen, aber so sei eben der Anspruch der EPA. "Es waren harte fachliche Diskussionen, und die Chefs haben das gefördert."

Pruitt hingegen scheint von vornherein entschieden zu haben, welche Politik er machen will. Medienberichten zufolge kam seine politische Karriere durch großzügige Spenden der Öl- und Gaskonzerne seines Heimatstaats Oklahoma in Gang. Dort war er zuletzt Generalstaatsanwalt und machte es sich zur Aufgabe, die EPA vor Gericht zu bekämpfen. 14 Klagen strengte er gegen die Behörde an. Für die Petitionen, die er nach Washington schrieb, soll er die Vorlagen der Konzerne Wort für Wort übernommen haben. 

Mythen über Wahrheit

Von Regulierung hält Pruitt nichts. Er sagt, er sei gegen Verbote. "Ich denke, (die Restriktionen der Obama-Regierung) sind falsch. Unser Fokus sollte darauf liegen, unsere natürlichen Ressourcen zu nutzen – und dabei die Verantwortung für die Umwelt zu bedenken", sagte er der Washington Post. Womöglich speielt für diese Haltung auch seine Religion eine Rolle: Pruitt ist Baptist. Kohle, Öl und andere natürliche Ressourcen sind für ihn ein Segen Gottes, den die Menschheit nutzen solle.

Southerland kritisierte in ihrem Abschiedsbrief, die neue EPA-Führung stelle Mythen über Wahrheit. "Die Wahrheit ist: Es gibt KEINEN Krieg gegen die Kohle, KEINE vom Umweltschutz verursachte Wirtschaftskrise, und der Klimawandel WIRD durch menschliche Aktivitäten verursacht."

Eine weitere Unwahrheit: Pruitt behauptete im Sommer 2017, die Regierung von Trump habe seit Jahresbeginn 50.000 neue Arbeitsplätze im Kohlesektor geschaffen. Doch das nationale Statistikamts weist ein Plus von nur 1.300 Jobs aus – bei knapp 52.000 aktiven Kohlebergleuten insgesamt. In der Solarbranche hingegen finden nach offiziellen Angaben 260.000 Menschen Arbeit. Allein als Photovoltaikinstallateure arbeiteten im Jahr 2016 etwas mehr als 11.000 Personen, und in keinem anderen Beruf wächst die Beschäftigung so schnell. Die Erneuerbaren sind ein boomender Wirtschaftsfaktor – aber einer, für den sich die Regierung Trump ganz offensichtlich nicht interessiert. 

Lernen aus der Vergangenheit

In der EPA halten die verbliebenen Fachleute derweil Stellung. Sie rücken zusammen, um dem Druck standzuhalten. "Es sind Profis", sagt Yosie. "Sie versuchen immer noch, ihren politischen Bosse glaubwürdige Fakten und Analysen zu präsentieren, so gut sie können. Und es ist wichtig, Entscheidungen faktenbasiert zu treffen. Ihre Arbeit hat einen Einfluss auf die Lebensqualität der Menschen und die Umwelt."

Es gebe viel Solidarität unter den Mitarbeitern, sagen andere Insider. Teamleiter beschäftigten junge Kollegen; Forscher kopierten und sicherten Daten, alle zusammen arbeiteten weiter an Projekten, deren Ergebnisse vielleicht später einmal nützlich sein könnten – alles in der Hoffnung, die Durststrecke werde irgendwann ein Ende haben.

Die Älteren erinnern sich nämlich noch an eine vergleichbare Situation: Unter Ronald Reagan wurde Anne Gorsuch EPA-Chefin. Wie Pruitt es heute versucht, kürzte sie damals das Budget radikal. Weil sie außerdem Dokumente zurückhielt, rebellierte irgendwann die Abgeordnetenkammer gegen sie. Gorsuch konnte sich keine zwei Jahre im Amt halten.

Die anonyme Person aus der Union Station gibt sich zuversichtlich: "Irgendwann in der Zukunft wird die EPA wieder auf dem richtigen Weg sein und die besten wissenschaftlichen Erkenntnisse für ihre Arbeit nutzen." Die einzige Frage sei: "Wie viel Zeit werden wir bis dahin verlieren? Und wie groß werden die daraus resultierenden Gefahren für die Öffentlichkeit sein?" Southerland sieht es ähnlich. Womöglich könnten Gerichte später viele von Pruitts Entscheidungen wieder rückgängig machen. Aber bis es soweit sei, werde noch viel Zeit vergehen.

Offenlegung: Die Recherchereise nach Washington wurde ermöglicht durch ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung Nordamerika.