Dieses Gutachten wollte Premierministerin Theresa May am liebsten unter Verschluss halten: Je enger Großbritannien mit der EU verbunden bleibt, desto besser für die britische Wirtschaft, legt ausgerechnet ein Report nahe, der offenbar von Olly Robbins, dem Brexit-Chef im Amt der Premierministerin, zusammen mit dem Brexit-Ministerium und dem Finanzministerium erstellt wurde.

Mit der Veröffentlichung sollten die Brexit-Hardliner in der Konservativen Partei geschwächt werden, die immer wieder die Regierungschefin attackieren. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Publikation zeigt einmal mehr, wie zerrissen die britische Konservativen da steht und welche Flügelkämpfe May aushalten muss. Noch vergangene Woche hatte Brexit-Minister David Davies vor einem parlamentarischen Ausschluß geleugnet, dass es überhaupt eine detaillierte Analyse zu den Auswirkungen des Brexits auf die britische Wirtschaft geben. Doch das bislang geheim gehaltene Gutachten zeigt genau das: Die Regierung hat sehr wohl im Detail untersuchen lassen, welche Konsequenzen unterschiedliche Brexit-Varianten auf die Volkswirtschaft haben.

Das Ergebnis: Sollte Großbritannien ohne Einigung mit der EU aus dem Binnenmarkt und der Zollunion ausscheiden (no deal), werde das Wirtschaftswachstum des Landes in 15 Jahren um acht Prozent niedriger ausfallen als derzeit prognostiziert. Dies erklärt, warum die Regierung   kaum noch von einem "no deal" spricht. Je näher Großbritannien mit der EU verbunden bleibt, desto besser für die Wirtschaft: Im Fall eines Freihandelsabkommen werde die Volkswirtschaft nur  fünf Prozent weniger wachsen. Wenn London gar das Modell Norwegen wählt und sich eng an den EU-Binnenmarkt bindet, würde Großbritannien nur noch zwei Prozent Wachstum einbüßen. Besonders brisant für das Lager der Brexit-Befürworter: Selbst neue Freihandelsabkommen, die Großbritannien später mit Drittstaaten eingehen könnte – etwa mit den USA – würden die Wachstumseinbußen Großbritanniens außerhalb der EU nicht annähernd ausgleichen.

Die Devise bei den Verhandlungen müsste für Großbritannien also lauten: Schadensbegrenzung, also weicher Brexit. Doch sollte May das öffentlich zugeben, riskiert sie die Unterstützung der Hardliner ihrer Partei und im Parlament. Das kann sie sich die angeschlagene Regierungschefin, die nur eine knappe Mehrheit hinter sich weiß, nicht leisten. Wie scharf die harten Brexit-Befürworter reagieren, erlebte Schatzkanzler David Hammond vergangene Woche, nachdem er in Davos gesagt hatte, Großbritannien werde "nur marginal" vom bisherigen Status abweichen. Sofort forderten die Hardliner seine Abberufung.

"Zoll-Vereinbarung" statt Zollunion

Mays einzige Chance ist es, beiden Seiten, den Brexit-Befürwortern und den Verfechtern eines weicheren Brexit, so lange wie möglich vorzugaukeln, dass alles jeweils in ihrem Sinne verläuft. Das erklärt auch ihren neuen Streit mit Brüssel um die Rechte der EU-Bürger, die nach Beginn der Übergangsfrist von April 2019 nach Großbritannien kommen. Sie sollen nach Meinung der britischen Regierung kein Recht auf unbefristete Aufenthaltsgenehmigung haben.

Die Ambivalenz der Regierungschefin irritiert Brüssel. Die EU drängt darauf, dass May endlich ihre Karten auf den Tisch legt, damit die konkreten Verhandlungen über die Zeit nach der Übergangsphase weitergehen könne. Diese soll auf den formalen EU-Austritt voraussichtlich im März 2019 beginnen und etwa zwei bis drei Jahre dauern. Das ist notwendig, damit sich alle Beteiligten auf die neuen Verhältnisse vorbereiten können.

Während dieser Vorbereitungszeit läuft im Prinzip alles so weiter wie bisher, das hatten EU und Großbritannien vorgeschlagen. Das heißt: Auch wenn Großbritannien völkerrechtlich die EU, den Binnenmarkt und die Zollunion verlässt, wird sich im Tagesgeschäft nichts ändern. Großbritannien akzeptiert weiter den freien Zugang von EU-Arbeitskräften, zahlt in den EU Haushalt ein und Banken behalten Zugang zum Binnenmarkt. Kurzum: Für die Wirtschaft ändert sich erst einmal nichts.

Trotzdem ist der juristische Austritt Großbritanniens aus der EU zum März 2019 notwendig. Nur dann kann das Land als Drittstaat, also nicht als Mitglied der EU, ein neues Abkommen mit der EU aushandeln und unterzeichnen. Das Vereinigte Königreich muss zudem formal die Zollunion der Europäer verlassen, um mit anderen Ländern Freihandelsabkommen vereinbaren zu können. Gleichzeitig müssen Großbritannien und die EU alle 70 Drittstaaten, mit denen die Europäer Freihandelsabkommen abgeschlossen haben, bitten, das Königreich während der Übergangsphase so zu behandeln, als ob es Teil der EU wäre.

Der britische Minister für den EU-Austritt, David Davies, will ähnlich wie Regierungschefin May, dass sein Land nach dem formalen Austritt nicht mehr Mitglied der Zollunion ist, um zum Beispiel mit den USA ein Freihandelsabkommen auszuhandeln. Allerdings möchte die britische Regierung gleichzeitig mit der EU "eine Art Zollvereinbarung" abschließen – die weitgehend alles beim Alten belässt. Zölle soll es zum Beispiel auf beiden Seiten möglichst nicht geben, Herkunftsdeklarationen müssten aber sein.