Dabei ist die Stimmung im Land längst gekippt. Mehr als sechs von zehn Bürgern sprechen sich inzwischen für die Legalisierung von Cannabis aus, doppelt so viele wie noch 2000. Bei den unter 30-Jährigen sind es sieben von zehn. Drei Viertel der Öffentlichkeit sind der Meinung, die Regierung solle den Konsum und Verkauf in Bundesstaaten, in denen das Gras legal ist, gar nicht mehr verfolgen. Auch Donald Trump hatte noch als Präsidentschaftskandidat versprochen, das Thema den Bundesstaaten zu überlassen, um nicht den Zorn der Befürworter auf sich zu ziehen. Hinzu kommt: Für die Bundesstaaten ist die Industrie in den vergangenen Jahren zur wichtigen Einnahmequelle geworden. "Die Öffentlichkeit ist den Gesetzgebern in Washington weit voraus", sagt Jeffrey Zucker. Der Vorstoß von Sessions sei vor allem ein Versuch, der Branche einen Schrecken einzujagen. 

Selbst in der eigenen Partei wenden sich deshalb viele gegen Sessions. Der republikanische Senator Cory Gardner aus Colorado – einem der ersten Bundesstaaten, die 2014 den Konsum von Cannabis erlaubt hatten – drohte bereits damit, sämtliche Kandidaten für Posten im Justizministerium zu blockieren, solange die neue Richtlinie in Kraft ist. Auch sein Parteifreund Matt Gaetz aus Florida, eigentlich ein Hardliner im Sinne Sessions', stellte sich gegen die neue Linie: Sie zeige vor allem das Bedürfnis des Ministers, ein "antiquiertes und widerlegtes Dogma durchzusetzen, anstatt sich dem Willen der Amerikaner zu beugen". Viele Konservative fürchten, die Wähler könnten die Partei bei den anstehenden Kongresswahlen für die Politik ihres Justizministers abstrafen.

Nicht nur Demokraten machen Druck

Die lautstarken Proteste lassen in der Branche derweil die Hoffnung aufkommen, Sessions' Vorstoß könne sogar den gegenteiligen Effekt haben und eine weitere Legalisierung beschleunigen. Nancy Pelosi, die Chefin der Demokraten im Repräsentantenhaus, kündigte vor wenigen Tagen bereits an, die laufenden Verhandlungen über den Bundeshaushalt dafür nutzen zu wollen, den Schutz für die medizinische Nutzung von Marihuana auszubauen – und einem Deal andernfalls nicht zuzustimmen. Es sei unklug, sagte Pelosi, dringend benötigte Ressourcen für die Bekämpfung von Marihuana zu verschwenden, während die Schmerzmittel-Epidemie jährlich Zehntausende im Land das Leben koste.

Ausgerechnet der Republikaner Thomas Garrett aus Virginia hat inzwischen einen Gesetzesvorschlag eingereicht, der Cannabis erstmals von der Betäubungsmittelliste streichen und die Verfolgung in Bundesstaaten unterbinden würde, in denen Marihuana bereits legal ist. 15 Politiker beider Parteien haben sich ihm angeschlossen. Branchenexperte Zucker glaubt angesichts solcher Entwicklungen, dass der Boom vielleicht kurzfristig gebremst werde. Doch mittelfristig habe der Justizminister ein Eigentor geschossen: "Sessions hat die Debatte zurück ins Rampenlicht geholt."