Es ist ein düsteres Bild, das manche Experten zeichnen: Der technologische Wandel führt in den kommenden Jahren zu einem riesigen Prekariat von Abgehängten; die Arbeitslosigkeit steigt, nur wenige profitieren von der neuen digitalen Arbeitswelt.

Demgegenüber steht ein positives Szenario: Die Digitalisierung ermöglicht dem Großteil der Menschen ein menschenwürdiges Dasein und erfüllteres Leben, Chancengleichheit und wirtschaftliche Teilhabe steigen. Was können Politik und Gesellschaft tun, damit es zu diesem positiven Szenario kommt und nicht zum anderen?

Der technologische Wandel hat in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem Anstieg der Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen sowie zu einer Polarisierung der Arbeitswelt beigetragen. Dies ist aber nicht naturgegeben, sondern spiegelt eher das Scheitern einer kurzsichtigen Politik wider. Bereits heute gibt es mehr als eine Million offener Stellen in Deutschland, häufig für gut qualifizierte Menschen und in zukunftsorientierten Branchen. Dem stehen über eine Million Langzeitarbeitslose gegenüber und fast zehn Millionen atypisch Beschäftigte, die zu geringen Löhnen und in prekären Beschäftigungsverhältnissen tätig sind. Das Problem ist also nicht zwingendermaßen ein Mangel an guten Jobs, sondern ein Mangel an Qualifizierung und Schutz für einen großen Teil der Beschäftigten.

Lebenslanges Lernen und hohe Flexibilität

Eine bessere Teilhabe am technologischen Wandel erfordert ein grundlegendes Umdenken im Bildungssystem, von einer besseren frühkindlichen Bildung bis hin zu einem Curriculum in der Schule, das mehr Kinder und Jugendliche auf technische und digitale Berufe vorbereitet. Deutschland hat vor allem eine Schwäche in den sogenannten MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Auch das Konzept des lebenslangen Lernens wird in Zukunft massiv an Bedeutung gewinnen. Vor 40 Jahren konnte fast jeder junge Mensch sicher sein, mit Berufsabschluss und ohne große weitere Qualifizierung den gleichen Job bis zur Pensionierung ausführen zu können. Dies gilt heute wohl für keinen jungen Menschen mehr. Eine junge Frau mit Abschluss als Mechatronikerin muss genauso wie ein junger Bürokaufmann damit rechnen, sich stetig bis zur Pensionierung fortzubilden und eventuell in ganz andere Berufszweige wechseln zu müssen.

Auch wenn das duale Ausbildungssystem in Deutschland heute noch Garant für eine hohe Beschäftigungsquote und sehr niedrige Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen ist, muss es sich in Zukunft doch massiv verändern. Seine Schwäche ist, dass Menschen sich sehr früh spezialisieren. Dies bedeutet ganz konkret, dass ein Schweißer, der heute im Alter von 45 Jahren arbeitslos wird, enorme Schwierigkeiten hat, einen neuen Job außerhalb seiner Branche zu finden.

Die frühe Spezialisierung in der Ausbildung kann daher häufig den Menschen die Flexibilität nehmen, sich in der ständig verändernden Arbeitswelt zurechtzufinden und Chancen wahrzunehmen. Es gibt Versuche in Deutschland, durch ein duales Studium das Beste beider Welten – das Erlernen einer spezifischen Fertigkeit und einer breiten Bildung –  zu kombinieren. An Fachhochschulen werden Studiengänge angeboten, bei denen Studierende mehrere Monate im Jahr in Unternehmen verbringen. Solche Veränderungen sind wichtig und müssen in Zukunft an Bedeutung gewinnen.

Zu große Unterschiede der Bildungschancen

Die zweite Aufgabe ist nicht nur eine bessere Qualität, sondern eine größere Inklusion des Bildungssystems. In Deutschland hängen die Bildungs- und Berufschancen nur sehr begrenzt von den Talenten und Fähigkeiten der jungen Menschen, sondern vielmehr von Einkommen und Bildungsgrad der Eltern ab. Fast 80 Prozent der Kinder aus akademischen Haushalten gehen heute in Deutschland zur Universität, jedoch nur gut 20 Prozent der Kinder aus Nichtakademikerhaushalten.

Die Herkunft bestimmt die Chancen

Die Herkunft bestimmt die Chancen.

Quelle: StBA, Sonderauswertungen des Mikrozensus 1999 und 2009, HIS-Studienanfängerbefragung 2009, eigene Berechnungen von HIS-HF