ZEIT ONLINE: Herr Brunnermeier, Union und vor allem die SPD haben Europa als großes Thema für ihre große Koalition entdeckt. Kann jetzt Frankreichs Präsident Macron mit seiner EU-Reform loslegen?

Markus Brunnermeier: Nein, Deutschland wird Frankreichs Vorschläge sicherlich nicht eins zu eins übernehmen. Es gibt zwar einige Überschneidungen, etwa bei der Absicherung der EU-Außengrenzen oder der Verteidigungspolitik. Wenn es aber um die Reform der Währungsunion geht, muss sicherlich noch viel diskutiert werden. Frankreich hat hier andere Vorstellungen als Deutschland.

ZEIT ONLINE: Im Sondierungspapier von Union und SPD heißt es zu Europa: "Wir wollen faire Mobilität fördern, jedoch missbräuchliche Zuwanderung in die Systeme der sozialen Sicherheit unterbinden." Was soll das bedeuten?

Brunnermeier: Inzwischen wird in Europa ein EU-weiter Mindestlohn diskutiert. Frankreich unterstützt die Idee, es tritt viel aggressiver gegenüber den osteuropäischen Mitgliedstaaten auf als Deutschland, um die Regulierung am Arbeitsmarkt zu vereinheitlichen. Deutschland hat zwar auch kein Interesse an Lohndumping innerhalb der EU, aber man sollte auch nicht vergessen, dass die osteuropäischen EU-Staaten vor allem aufgrund niedriger Löhne wirtschaftlich wettbewerbsfähig sind. Diesen Ländern muss man auch eine Chance geben, sich weiterzuentwickeln. 

ZEIT ONLINE: Außerdem wollen Union und SPD "die Wettbewerbsfähigkeit der EU und ihre Wachstumskräfte im Kontext der Globalisierung stärken". Wie soll das konkret gelingen?

Brunnermeier: Große Wirtschaftsblöcke wie etwa China und die USA werden versuchen, noch stärker Einfluss auf die Weltwirtschaft zu nehmen, in dem sie technische Standards setzen. Da muss die EU mithalten. 

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie genau? 

Brunnermeier: Ich spreche vor allem über technologische Standards für zukünftige Technologien, die wir jetzt noch gar nicht kennen. In den Neunzigerjahren hat etwa Europa den Mobilfunkstandard GSM durchgesetzt, der zum weltweiten Standard wurde. Wirtschaftsräume, die heute Standards setzen, werden enorme Vorteile in zukünftigen Schlüsseltechnologien haben. Das gilt auch für die Finanzökonomie. Geldtransaktionen werden neue Formen annehmen.

ZEIT ONLINE: Union und SPD planen in der EU auch "spezifische Haushaltsmittel für die wirtschaftliche Stabilisierung" von Ländern. Halten Sie das für sinnvoll?

Brunnermeier: Wenn Länder in der Krise sind, brauchen sie kurzfristig Hilfe. Aber die Hilfsbereitschaft der anderen Staaten darf nicht ausgenutzt werden und sollte daher mit vernünftigen Reformauflagen verbunden werden. Die Forderungen von Emmanuel Macron für ein Euro-Budget sind weitreichend. Berlin wird deshalb darauf drängen, das Haushaltsbudget mit bestimmten Aufgaben zu verknüpfen, etwa zur Absicherung der EU-Außengrenzen. Hier treten die unterschiedlichen Wirtschaftsphilosophien Frankreichs und Deutschlands in Vorderschein. In Frankreich, einem sehr zentral gesteuerten Land, erlaubt sich die Regierung ein interventionistisches Krisenmanagement. Der deutsche Ansatz ist dagegen regelbasierend.

ZEIT ONLINE: Welcher Sicht können Sie mehr abgewinnen?

Brunnermeier: Für bestimmte Bereiche gibt es einen goldenen Mittelweg. Man kann zum Beispiel der französischen Sichtweise entgegenkommen, indem man durch kluge Verbriefungen eine europäische Anleihe schafft, die eine Gesamthaftung wie beim Eurobonds ausschließt. Das würde dem deutschen Haftungsprinzip entsprechen. In anderen Bereichen muss man sich für eine Wirtschaftsphilosophie entscheiden.

ZEIT ONLINE: Und welche ist besser für Europa?

Brunnermeier: Ich glaube, dass für die EU mit ihrer föderalen Struktur der interventionistische Ansatz eher problematisch ist, weil immer der Eindruck entstehen kann, dass ein Land bevorzugt oder ein anderes benachteiligt wird. Wenn man sich dagegen vorher auf Regeln einigt  – wie es die Deutschen bevorzugen – und dann auf deren Grundlage handelt, kann ich mir vorstellen, dass es zu weniger Streitigkeiten kommt. Allerdings müssen die Regeln glaubwürdig sein, was ein gewisses Mindestmaß an Risikoteilung erfordert.