Ein Jahr später brennt immer noch kein Feuer im Hochofen, rollt kein Band im Stahlwerk in Martins Ferry. Der Rost hat sich weiter am Gebäude hochgefressen, der Schnee auf den Zufahrtsstraßen wird gar nicht erst geräumt, wer sollte schon kommen. Das Werk wird nur noch als Lager genutzt, Arbeiter braucht es dafür nicht, am Hintereingang parken zwei, drei Pick-ups, das war's. Geschäftig ist es in Belmount County im äußersten Osten Ohios schon lange nicht mehr. Generationen haben hier gut von der Stahl-, Kohle- und Aluminiumindustrie gelebt, bis die Produktion zu teuer, der Markt von Importen aus China und anderen Ländern überschwemmt wurde und es für die Betreiber nicht mehr lukrativ war, Aluminium oder Stahl Made in America zu produzieren.

Die Feuer sollten wieder brennen, genau das versprach Donald Trump im Wahlkampf den Arbeitern in Ohio, Pennsylvania und anderen Industriestaaten des Landes. Er als Präsident werde Amerika wieder groß machen, die Stahlwerke und Aluminiumhütten erneut ans Laufen bringen und dem blue collar worker zu neuem Wohlstand verhelfen. Es war diese Verheißung, die viele in Belmount County überzeugte, dem Republikaner und nicht Hillary Clinton ihre Stimme zu geben: Zum ersten Mal stimmten die Bewohner des Landkreises mehrheitlich für einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Auch das verhalf Trump zu seinem wichtigen Sieg in dem traditionellen Swing-State Ohio.

Frank Papini kann sich darüber immer noch aufregen. Er ist Mitglied der United Steelworkers Union. Mit 68 Jahren lebt er gut von seiner Rente, könnte sich die mühsame Freiwilligenarbeit für seine Gewerkschaft sparen. Will er aber nicht. Papini hat im Wahlkampf an Haustüren geklopft, um Menschen von Hillary Clinton zu überzeugen. Jetzt geht er zu Gemeinderatssitzungen und diskutiert immer wieder mit seinen ehemaligen Kollegen und vor allem den jüngeren Leuten, die nicht so viel Glück hatten wie er. Papini war ja schon am Ende des Berufslebens angekommen, als ein Werk nach dem anderen dicht machte. "Trump hat damit Wahlkampf gemacht, die Stahlwerke wieder aufzumachen. Und was ist passiert? Natürlich nichts."

Wo es keine Jobs gibt, braucht es keine Gewerkschaft

Papini sitzt mit seinem besten Freund John Waugh im Büro von John Saunders. Saunders arbeitet immer noch hauptamtlich für die Gewerkschaft, mit 66 könnte auch er in Rente gehen. Alle drei haben im Stahlwerk gearbeitet, gemeinsam gestreikt, Löhne und Verträge ausgehandelt und schließlich 2013 erlebt, wie der letzte Stahl aus dem Werk abtransportiert wurde. Jetzt ist die Gewerkschaft ihr Zusammenhalt, und der gemeinsame Gegner Trump.

Saunders Büro ist nur ein paar Schritte vom Stahlwerk entfernt, das kleine Haus wirkt im Schatten des Industriebaus wie eine Hütte, im Eingang steht Futter für streunende Katzen. Früher war auch hier mehr Betrieb. Die Mitgliederzahlen gehen zurück, wo es keine Jobs gibt, braucht es auch keine Gewerkschaft.

Gewerkschafter gegen Trump: John Saunders, John Waugh, Frank Papini © Rieke Havertz für ZEIT ONLINE

Die größten Arbeitgeber in der Region sind heute die Krankenhäuser, Walmart und die Fracking-Industrie. Doch die Firmen, die das Gas aus der Erde fördern, bringen oft ihre eigenen Arbeiter mit. "Trailer trash", schimpft Waugh in seiner Ecke des kleinen Büros, in die er neben schwarzen Aktenschränken noch einen Stuhl gequetscht hat. Er hat nicht viel übrig für die Wanderarbeiter, die den Menschen in seiner Heimat seiner Ansicht nach die wenigen Jobs nehmen und das Geld anderswo ausgeben, nicht aber in Martins Ferry, Bridgeport, Shadysite und den anderen Orten entlang des Ohio River. Und all die Rohre, die fürs Fracking benötigt werden, seien aus China importiert, sagt Papini. Er hat früher selbst Rohre hergestellt. Die, die er jetzt überall am Wegesrand der Förderstätten liegen sieht, seien zwar billig, aber von schlechter Qualität. Die Fracking-Industrie wird die Region auch nicht mehr retten, da sind sich die Freunde einig. Irgendwann ist alles Gas gefördert.

"Es gibt einen Kult um ihn"

Vor einem Jahr standen bereits viele Läden in den Hauptstraßen leer. Es ist nicht besser geworden. "Zu vermieten", "zu verkaufen", das sind die Auslagen in den Schaufenstern. "Ein paar kleinere Industriebetriebe haben im vergangenen Jahr auch noch dichtgemacht", sagt Papini. Alles keine Gründe, Donald Trump weiter zuzujubeln. Trotzdem sind viele hier noch seine Anhänger. In den Vorgärten wehen vereinzelt Trump-Fahnen. "Es gibt einen Kult um ihn", sagt Waugh. Die Menschen hätten Scheuklappen auf und glaubten Trump alles.

Ein guter Freund von Waugh ist Trump-Fan, Waugh hätte ihn gern zum Gespräch mitgebracht. Aber der weigerte sich. "Tönt lieber auf Facebook groß rum", sagt Waugh. Für die Details von Trumps Politik interessierten sich nur die wenigsten. Wenn Papini und Waugh versuchten, der Heldenverehrung mit Fakten zu begegnen, würden ihre Kollegen nur den Kopf schütteln. Waugh hat auf gelben Notizzetteln ein paar Falschmeldungen und Lügen notiert, die er noch am Morgen auf Facebook gelesen hat. Alle lokalen Zeitungen in der Region gehören einem konservativen Verlag, kritische Worte lese man dort kaum, sagt Papini. Wenn sie denn überhaupt noch gelesen würden. Bei den meisten liefe doch nur Fox News. "Das ist wie ein Schuss Heroin", sagt Waugh. Er kommt einfach nicht darüber hinweg, dass so viele seiner Ex-Kollegen den Demokraten den Rücken gekehrt haben.