Elektroingenieur können nur Männer? Mit diesem Vorurteil will der Arbeitgeberverband seit Jahren aufräumen – und greift zu ungewöhnlichen Maßnahmen wie Pixi-Büchern. Die Ausgabe Meine Freundin, die ist Ingenieurin bringt Gesamtmetall inzwischen in der achten Auflage heraus. In dem Kinderbuch besucht ein Mädchen ihre Tante Julia. Die Elektroingenieurin ist gut gelaunt und erklärt in leichter Sprache, wie sie Joghurtbecher und Spielzeugautos herstellt. Elektroingenieur können auch Frauen, das ist die Botschaft. 

Ob Girls’ Days, Karriere- und Ausbildungsmessen für Mädchen, Mentorinnenprogramme oder eben Pixi-Bücher: Die Arbeitgeber versuchen auf vielen Wegen, mehr Frauen für Berufe in der Metall- und Elektrobranche zu begeistern. Denn gerade diese Branchen erleben gerade Hochkonjunktur. Die Nachfrage nach Facharbeitern ist dort enorm, allein die Bundesagentur für Arbeit zählt hier mehr als 160.000 offene Stellen. Doch noch immer meiden junge Frauen diese Jobs: Der Frauenanteil liegt bei gerade einmal 20 Prozent. Der Beruf der Industriemechanikerin landet bei Mädchen erst auf Platz 47 der beliebtesten Ausbildungsberufe. Bei den Jungen sind dagegen mit Industriemechaniker, Elektroniker und Fachinformatiker gleich drei Metall- und Elektroberufe in den Top Ten, hat das Bundesinstitut für Berufsbildung ermittelt.

Aber was hat das mit den aktuellen Tarifverhandlungen der IG Metall und den Arbeitgebern zu tun? Sehr viel, glaubt man Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. "Uns fehlen schon jetzt die Fachkräfte und nun kommt die IG Metall und möchte, dass wir auch noch eine Stilllegeprämie für unsere Beschäftigten zahlen. Das ist doch absurd", sagt er.

Zander bezieht sich auf die Forderung der IG Metall, dass die 3,9 Millionen Metaller künftig ihre Arbeitszeit befristet für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren von 35 auf 28 Stunden reduzieren können. Wer Kinder unter 14 Jahren hat, Angehörige pflegt oder Schichtarbeit leistet, soll dafür sogar noch einen finanziellen Zuschuss in Höhe von 200 Euro monatlich von den Unternehmen erhalten. Außerdem will die Gewerkschaft sechs Prozent mehr Lohn für ihre Mitglieder herausholen. Die Forderung spiegelt das neue Selbstbewusstsein der Gewerkschaft wider: Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist auf einem rekordverdächtigen Niedrigstand; jetzt sollen die Arbeitnehmer davon profitieren.

Gerade mit ihrer Forderung nach einer 28-Stunden-Woche haben die Gewerkschaftler einen Nerv getroffen. Das zeigt die Reaktion der Arbeitgeber: Sie warnen, dass die Arbeitszeitverkürzung gut 200.000 neue Stellen nötig mache. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall verweist dabei auf Zahlen einer Beschäftigtenbefragung, die die IG Metall in der Branche durchgeführt hat. Demnach haben 26,5 Prozent der Beschäftigten Kinder unter 14 Jahren und 18,5 Prozent pflegebedürftige Angehörige. Der Arbeitgeberverband unterstellt, dass all diese Beschäftigten auch ihre Arbeitszeit um 3,5 Stunden pro Woche reduzieren wollen und es auch tatsächlich tun. "Wenn nur die Beschäftigten mit Anspruch auf Teilentgeltausgleich die Arbeitszeit um 3,5 Stunden pro Woche reduzieren, fallen vier Prozent aller geleisteten Arbeitsstunden aus. Allein das bedeutet einen Bedarf an Ausgleich in Höhe von mehr als 150.000 Arbeitnehmern", heißt es in einer Stellungnahme des Verbands. Berücksichtige man noch die Schichtarbeiter, die Freischichten bekommen sollen, kommt Gesamtmetall auf weitere 55.000 Stellen. Das macht zusammen mehr als 200.000 Stellen. Dass die IG Metall davon ausgeht, dass nur etwa 40 Prozent der theoretisch Anspruchsberechtigten auch tatsächlich beruflich kürzer treten, ignoriert der Arbeitgeberverband.

Die Arbeitgeber fordern statt kürzerer Arbeitszeiten sogar längere. "Viele Beschäftigte wünschen sich eine Arbeitszeit – dauerhaft oder vorübergehend – über 38 Stunden pro Woche. Wünschen von Beschäftigten nach Arbeitszeitreduzierung kann heute schon ohne Begrenzung entsprochen werden. Dies muss auch für die nach oben gelten", sagt Gesamtmetall-Geschäftsführer Zander.

Die Arbeitszeit ist in den Tarifverträgen ein streng regulierter Posten. Bisher sieht der aktuelle Tarifvertrag regulär eine 35-Stunden-Woche vor. Es gibt aber eine Ausnahme: 13 bis 18 Prozent aller Beschäftigten im Betrieb dürfen ihre Arbeitszeit freiwillig auf 40 Stunden pro Woche erhöhen.

Die Arbeitgeber wollen diese Quote nun abschaffen. Gerechtfertigt sei dies durch die gute Konjunktur, volle Auftragsbücher – und vor allem eben durch den Fachkräftemangel, sagt Oliver Zander. Nicht nur Ingenieure, auch Mechatroniker, Elektriker, Metallbauer und Industriemechaniker fehlten auf dem Arbeitsmarkt.

Haben die Unternehmen den Fachkräftemangel verschlafen?

Und der Mangel wird wegen des demografischen Wandels weiter zunehmen. In diesem Jahr gehen erstmals mehr Beschäftigte in Rente, als Junge in den Arbeitsmarkt einsteigen. Auch hier ist vor allem die Metall- und Elektrobranche betroffen.

Mancher Arbeitsmarktexperte ist allerdings überzeugt, dass die Arbeitgeber ihre Notlage teilweise selbst verursacht haben. "Wenn es denn einen Fachkräftemangel gibt, wie die Arbeitgeber behaupten, dann ist er auch selbst verschuldet", sagt etwa Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Der Arbeitgeberverband reagiert empört auf diese Einschätzung: Die Ausbildungsquote sei konstant hoch – berücksichtige man den demografischen Wandel, werde sogar mehr ausgebildet als früher, teilt ein Sprecher mit. Und mehr Fachkräfte aus dem europäischen Ausland ließen sich auch nicht anwerben ­– denn die osteuropäischen Nachbarländer, aus denen qualifizierte Zuwanderer bislang kamen, erleben selbst einen Boom und einen demografischen Wandel.