Deutschland liegt bei der Steigerung des Mindestlohnes im Vergleich zu anderen EU-Staaten zurück. Das zeigt eine Vergleichsstudie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Demnach haben 19 EU-Länder ihren Mindestlohn im vergangenen Jahr erhöht. In Deutschland hingegen ist der Mindestlohn nicht gestiegen. Darüber hinaus erhielten die Bezieher aufgrund der Inflation real sogar weniger Lohn.

Deutschland hat laut der Studie zwar nominal einen der höchsten Mindestlöhne in der EU, allerdings sei er, gemessen am allgemeinen Lohnniveau, eher moderat. In Deutschland beträgt der Mindestlohn 47 Prozent des mittleren Lohnniveaus, während er in 13 EU-Länder höher liege.

Mit 8,84 Euro sei der Mindestlohn in Deutschland deutlich niedriger als in anderen westeuropäischen Staaten. Wie die Autoren der Studie schreiben, werde der Mindestlohn bei einem "bloßen Nachvollzug der Tarifentwicklung deutlich unterhalb des Niveaus anderer westeuropäischer Staaten bleiben". Allerdings ist das Preisniveau in Deutschland auch geringer als in anderen westeuropäischen Ländern. Insgesamt bleibe die Kaufkraft von Mindestlohnempfängern aber hinter denen in den Benelux-Staaten und Frankreich zurück.

Durch die derzeitige gute wirtschaftliche Entwicklung steigen die Mindestlöhne in Europa immer weiter an. So ist laut der Studie im vergangenen Jahr der Mindestlohn in den EU-Staaten im Durchschnitt um 4,4 Prozent gestiegen. Da allerdings auch die Inflation anstieg, legten die Löhne im Mittel nur um 2,8 Prozent zu. Den größten Anstieg gab es demnach in mittel- und osteuropäischen Ländern, wo das Plus teilweise zweistellig ausfiel. So müssen in Polen jetzt umgerechnet mindestens 2,85 Euro pro Stunde bezahlt werden, in Tschechien 2,78 Euro und in Rumänien 2,50 Euro.

Keine negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

In Deutschland gilt der gesetzliche Mindestlohn seit Anfang 2015. Er wird alle zwei Jahre angepasst – die nächste Erhöhung ist für Anfang 2019 fällig. Experten fordern eine deutliche Erhöhung über die allgemeine Tarifentwicklung hinaus. Es müsse "überlegt werden, ob die derzeit außerordentlich günstigen ökonomischen Rahmenbedingungen nicht dafür genutzt werden können, um das niedrige deutsche Mindestlohnniveau über die normale Anpassung hinaus auch strukturell zu erhöhen".

Die Einführung des Mindestlohnes war umstrittenso fürchteten einige Arbeitsmarktforscher Jobverluste. "Im Vorfeld der Einführung gab es große Bedenken, dass der Mindestlohn der Beschäftigung stark schaden würde. Deswegen war der Ansatz in Deutschland sehr vorsichtig – vielleicht ein bisschen übervorsichtig", sagte WSI-Forscher Malte Lübker im WDR zu den Ergebnissen der Studie. Allerdings bleiben negative Effekte auf den Arbeitsmarkt aus.

Das bestätigt auch das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft. Der Tarifexperte Hagen Lesch verweist allerdings auf die derzeitig gute Wirtschaftslage und warnt vor einer zu starken Erhöhung des Mindestlohns. "Ich würde jetzt nicht unbedingt die Grenzen so testen wollen, dass wir irgendwann das Problem haben, dass der Mindestlohn dann doch Arbeitsplätze kostet", sagte er dem WDR.