Die Autofahrt führt an den Rand der Stadt – und gleichzeitig an den Rand unserer Gesellschaft. Es geht über die Magistrale, eine mehrspurige Straße aus DDR-Zeiten, vorbei an Hochhäusern, manche sind unbewohnt. Der Fahrer biegt ab, in die letzte Straße von Halle-Neustadt, hinter dem Wohnblock kommen nur noch Felder. Hier endet eine der größten Plattenbausiedlungen, die der Sozialismus in Deutschland hinterlassen hat. Doch heute soll es um die Marktwirtschaft gehen. Und darum, wie schwer sich manche mit ihr tun.

Der Wagen hält vor einem langen Betonriegel, Hausnummer 33. In einer Fünfzimmerwohnung betreibt der Sozialverband Internationaler Bund einen Stadtteiltreff. Die Mitarbeiter helfen, wenn ein Schreiben vom Amt unverständlich ist, wenn Schüler Nachhilfe brauchen oder Mütter Erziehungstipps.

An diesem Morgen treffen sich sieben Frauen und ein Mann zum Elternfrühstück, ein kleines Mädchen kuschelt sich in den Schoß seiner Mutter. Die meisten hier im Raum leben von Arbeitslosengeld II oder arbeiten in Teilzeit. Ein langer Tisch ist reichlich gedeckt mit Brötchen und Aufschnitt, die Kaffeekanne geht um. Andreas Schönekäs, hellblauer Pullover, modische Kastenbrille, begrüßt die Gruppe, er stützt die Arme auf den Tisch. "Wir wollen uns heute über eine wichtige Frage unterhalten", sagt der Sozialarbeiter. "Was kostet unser Leben eigentlich?" An einer Wand neben ihm schreibt seine Kollegin Claudia Wustmann mit einem Marker eine Rechnung auf eine Folie: die Einnahmen und Ausgaben eines Haushalts.

"Aufsuchender Verbraucherschutz"

Schönekäs und Wustmann arbeiten für die Verbraucherzentrale in Halle und sollen hier, in der Plattenbausiedlung, ein Bewusstsein schaffen für die finanziellen Hürden des Lebens – offiziell heißt das "Stärken der Konsum- und Finanzkompetenz". In Sachsen-Anhalt ist laut Schuldneratlas 2017 jeder achte Erwachsene verschuldet, in Halle ist es sogar jeder sechste – so viel wie in keiner anderen Stadt in Sachsen-Anhalt. 

Das Besondere am "Verbraucherschutz im Quartier": Erstmals müssen Menschen nicht eine Beratungsstelle aufsuchen, die Hilfe kommt stattdessen zu ihnen. Das Pilotprojekt läuft in Halle seit zwei Jahren und gilt unter Verbraucherschützern als Erfolg, eine Auswertung gibt es bislang allerdings noch nicht. Es soll in den nächsten Jahren auf 16 benachteiligte Quartiere in ganz Deutschland ausgeweitet werden, darunter Hamburg-Harburg und Berlin-Moabit. Es sind Stadtteile, in denen Menschen "aufgrund ihrer Lebensumstände und ihres geringen Einkommens" auf Hilfe im Alltag angewiesen sind, wie es in der Projektbeschreibung heißt. Dafür stellt die Bundesregierung 13 Millionen Euro bis zum Jahr 2024 zur Verfügung. Im aktuellen Koalitionvertrag von Union und SPD heißt es dazu, man werde die Initiative des "aufsuchenden Verbraucherschutzes" weiterentwickeln. Und das scheint auch nötig zu sein.

Die Deutschen wissen nur wenig über Wirtschaft, wie kürzlich eine Umfrage der ZEIT gezeigt hat. Je ärmer die Menschen, desto schlechter können sie wirtschaftliche Zusammenhänge einordnen. Sie schätzen Versicherungen oder Geldanlagen falsch ein, lassen sich zu teuren Ratenkäufen überreden. Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung geben permanent mehr Geld aus, als sie einnehmen, zeigt der jährliche Schuldenatlas. Diesem Missstand wollen die Verbraucherschützer etwas entgegensetzen.

Schönekäs bittet alle, sich eine fiktive Person vorzustellen: Frank, 35, hat eine vierjährige Tochter, ist alleinerziehend und arbeitet in Vollzeit. Er verdient 1.000 Euro netto, hinzu kommen Kindergeld und Unterhaltszahlungen für seine Tochter. Alles in allem, so sagt Schönekäs, hat Frank jeden Monat 1.500 Euro zur Verfügung. "So viel muss man erst einmal haben", schallt es ihm gleich von einer Frau aus der Runde entgegen. Die anderen am Tisch nicken und murren zustimmend.

"Von 1.500 Euro kann ich nur träumen"

Schönekäs setzt seine Rechnung fort: Die Fixausgaben für Miete, Strom, Telefon, Internet und Kita summieren sich auf 885 Euro. "Was", fragt Schönekäs, "kommt noch an Ausgaben dazu, auf die Sie selbst einen Einfluss haben, die also veränderlich sind?"

Sofort wird diskutiert: Wie viel gebe ich im Monat fürs Handy aus? Was kostet der Zoobesuch mit Kindern? Silvia Paul, 56, lebt von Arbeitslosengeld II. Das ergraute Haar hat sie zum Pferdeschwanz zusammengebunden, die Hände sind knochig. Paul hat viele Jahre in Reinigungsfirmen gearbeitet, nun ist sie chronisch erkrankt und auf staatliche Hilfe angewiesen. "Von 1.500 Euro im Monat kann ich nur träumen", sagt sie. Sie müsse mit weit weniger auskommen für sich und ihre fast erwachsene Tochter.

Die Gruppe bespricht, wie viel der fiktive Frank im Monat für Lebensmittel und Hygieneartikel ausgibt. "Ich brauche für meine Tochter und mich 25 Euro in der Woche, wenn ich auf die Angebote achte und nur abgepackten Aufschnitt kaufe", sagt Paul. Den anderen Teilnehmern und Teilnehmerinnen sind 100 Euro im Monat viel zu wenig für die Einkäufe, man einigt sich auf 250 Euro.