Die Gewerkschaft IG Metall und die Arbeitgeberverbände in der Metall- und Elektroindustrie haben sich auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt, nach zuletzt 13 Stunden Verhandlungen und vorausgegangenen 24-stündigen Warnstreiks in ganz Deutschland. Der Abschluss kann sich sehen lassen. Denn er berücksichtigt die Interessen beider Seiten.

Die Beschäftigten werden zum einen ordentliche Gehaltserhöhungen in Höhe von 4,3 Prozent sowie mehrere Einmalzahlungen erhalten, zudem wird das heutige Urlaubsgeld dauerhaft um 27,5 Prozent eines Monatseinkommens angehoben. Zum anderen bekommen sie mehr Wahlfreiheit bei der Arbeitszeit: Es wird einen Anspruch geben, maximal für zwei Jahre die Arbeitszeit auf 28 Stunden pro Woche zu reduzieren – und zwar für alle. Aber statt einer Gehaltszulage – wie zunächst gefordert – können Beschäftigte, die Kinder unter acht Jahren oder pflegebedürftige Angehörige haben, das Plus beim Urlaubsgeld in sechs zusätzliche freie Tage umwandeln, zwei weitere bekommen sie vom Arbeitgeber noch dazu.

Auch Schichtarbeiter erhalten zusätzliche freie Tage. Im Gegenzug darf unter bestimmten Umständen die Arbeitszeit bei bis zur Hälfte der Beschäftigten in den Unternehmen erhöht werden, von 35 auf maximal 40 Stunden in der Woche. Die Arbeitszeitreduzierung der einen wird also durch die Arbeitszeiterhöhung der anderen aufgehoben. Tatsächlich finden das viele Mitarbeiter attraktiv. Denn nicht wenige wollen gern länger arbeiten, um mehr Geld zu verdienen. Somit bekommen die Arbeitgeber also Spielraum, das Arbeitsvolumen stabil zu halten oder sogar noch zu erhöhen.

Ein Paradigmenwechsel

Es mag auf den ersten Blick so aussehen, als habe die IG Metall ihre Forderung nach einer Gehaltskompensation nicht erreicht – doch das stimmt nicht. Tatsächlich war die Gewerkschaft sehr erfolgreich. Zunächst war es für die Unternehmen undenkbar, wie von der IG Metall gewünscht die sozialen Gründe für eine Arbeitszeitreduzierung anzuerkennen und das materiell wertzuschätzen. Das Argument der Arbeitgeber: Das sei Sache der Sozialpolitik und nicht von Tarifverträgen.

Jetzt aber hat die Gewerkschaft den Paradigmenwechsel durchgesetzt. Und weil die Löhne insgesamt kräftig steigen und es auch dazu Einmalzahlungen gibt, werden diejenigen, die wegen Familie, Pflege oder Schichtarbeit reduzieren, finanziell nicht schlechter gestellt.

Der Abschluss ist damit ein guter Kompromiss. Er lässt den Mitarbeitern die Wahl, ihre Arbeitszeit selbstbestimmt ihren Bedürfnissen anzupassen, ohne dabei allzu starke Gehaltseinbußen hinnehmen zu müssen. Gleichzeitig müssen die Firmen nicht befürchten, dass sie bald kaum noch Leute haben, weil alle reduzieren wollen.