Der Mann für die Russland-Connection in Washington heißt Richard Burt. Er ist einer der wichtigsten Ansprechpartner für russische Unternehmer in der Hauptstadt. Als Diplomat arbeitete der heute 70-Jährige bereits unter Ronald Reagan und Georg Bush Senior, Ende der Achtzigerjahre war er US-Botschafter in Deutschland. Der heutige Geschäftsmann gilt als wichtiger Russland-Berater Trumps, er soll sogar dessen erste große außenpolitische Rede mitgeschrieben haben. 

Auf seinen Draht in die US-Administration zählen inzwischen auch die fünf Energiekonzerne Wintershall, Uniper, OMV, Shell und Engie, welche die geplante russische Ostseepipeline Nord Stream 2 finanzieren. Jedes Unternehmen ist mit rund einer Milliarde Euro an dem Energieprojekt beteiligt. Seit Monaten schon bangen die fünf um ihr Geld, weil die US-Regierung vor einem halben Jahr Sanktionen gegen Russland beschlossen hat. Die Sanktionen könnten auch sie treffen, schließlich finanzieren sie das Pipelineprojekt des russischen Gazprom-Konzerns. Es wäre das Aus für Nord Stream 2. Ein Aus, das sie unbedingt verhindern wollen.

Also haben sie Richard Burt und seine Agentur McLarty Associates engagiert, die nur wenige Minuten Fußweg vom Weißen Haus ihren Sitz hat. Die Aufträge von Nord Stream an McLarty und andere Agenturen in Washington zeigen beispielhaft, welche Millionenbeträge Unternehmen zu zahlen bereit sind, um die Gesetzgebung in Washington zu beeinflussen.

"Interessen der Unternehmen schützen"

Im Sommer vergangenen Jahres hat das Konsortium einen PR-Vertrag mit McLarty geschlossen. Der Auftrag: "Die Interessen der Unternehmen in den Diskussionen um den Gasmarkt als Teil der europäischen Energiesicherheit zu schützen und zu fördern". Pikant ist das Datum des Auftrags: Die PR-Verträge wurden zum 1. August 2017 gültig. Nur einen Tag später unterzeichnete US-Präsident Donald Trump die Sanktionen gegen Russland. McLarty war offenbar gut informiert.

Allein im ersten Quartal des Engagements überwiesen die fünf Konzerne insgesamt 100.000 Dollar an McLarty. Welche Leistung sie im Gegenzug erhalten, dazu wollen sie sich nicht äußern. Wintershall und Uniper erklären lediglich auf Anfrage, Burts Agentur sei mit "Analysen" der aktuellen Situation beauftragt worden. Zu "Geschäftsleistungen mit Dienstleistern" könne man sich nicht äußern.

1,4 Millionen Dollar für Lobbying

Bereits im Jahr 2016 stand die Vorgängergesellschaft von Nord Stream 2, die New European Pipeline AG, bei Burts PR-Agentur unter Vertrag. Sie überwies damals rund 700.000 Dollar, um das Projekt in Washington bekannt zu machen und um Unterstützung zu erhalten.  Insgesamt hat sich Nord Stream laut Datenbank opensecrets.org allein im vergangen Jahr das Lobbying mehr als 1,4 Millionen Dollar kosten lassen. Auch die Agentur Capitol Counsel wurde beauftragt, um das Sanktionsthema zu beobachten.

Spontane Aktionen der US-Regierung

Den größten Auftrag hat allerdings Roberti Global ergattert. Seit vergangenem Sommer erhielt die Agentur mehr als eine Million US-Dollar von Nord Stream 2, ihrem inzwischen wichtigsten Kunden.

Ihr Vorsitzender Vin Roberti, der den Demokraten nahe steht, ist eine bekannte Figur in Washington; einer der meistbeschäftigten PR-Berater, der mehr als 100 Wahlkampagnen von US-Abgeordneten gemanagt hat. Zurzeit arbeitet Roberti für die Demokraten Steve Israel (Mitglied des Energieausschuss im Repräsentantenhaus) und den Fraktionsvorsitzenden der Demokraten im US-Senat, Chuck Schumer. Das PR-Budget teilt Nord Stream 2 also offenbar auch parteitaktisch zu.

Für Nord Stream geht es um einen unscheinbaren Satz im Sanktionspaket der USA. Die US-Administration wolle sich weiterhin gegen den Bau von Nord Stream 2 engagieren, da die Pipeline "einen schlechten Einfluss auf die Energiesicherheit der Europäischen Union, die Entwicklung des europäischen Gasmarktes und die Energiereformen in der Ukraine hat", heißt es dort. Seit Trump das Sanktionspaket im August unterschrieben hat, bedroht dieser Satz die Realisierung des Pipelineprojekts. Ob er aber jemals angewandt wird auf Nord Stream 2, ist völlig offen. "Ich habe meine Zweifel, dass die Sanktionen gegenüber Russland umgesetzt werden", glaubt zwar Richard Nephew, ehemaliger Sanktionsbeauftragter des US-Außerministeriums. Noch zeige die amtierende Regierung wenig Interesse, aktiv zu werden.

Präsident unter Druck

Allerdings müsse man immer mit einer spontanen Aktion der US-Regierung rechnen, warnt Severin Fischer, Energieexperte an der ETH Zürich. "Wenn der US-Präsident wegen russischer Wahlkampfunterstützung weiter unter Druck gerät, könnte das zu unkoordiniertem Aktionismus führen", so Fischer. Um der Öffentlichkeit zu beweisen, wie unabhängig seine Politik ist, könnte Trump überraschend die Sanktionen umsetzen. Die Sorgen der Investoren seien durchaus berechtigt.

Die jüngsten Entwicklungen zeigen zumindest, dass in der US-Regierung die Kritiker an Einfluss gewinnen. Das Außenministerium unter Rex Tillerson, Ex-Chef von ExxonMobil, soll etwa laut US-Medien an einem Plan arbeiten, mit Dänemark die Pipeline zu stoppen. Sie würde über dänisches Hoheitsgebiet in der Ostsee verlaufen, die Russen bräuchten also auch eine Genehmigung für den Bau aus Kopenhagen. Anfang Dezember hat das dänische Parlament eine Gesetzesnovelle verabschiedet, um den Bau der Gasleitung verbieten zu können.

Auch Polen ist gegen Nord Stream

Auch in Polen wehrt sich die Regierung gegen die Pipeline. Während seines Polen Besuchs im Januar betonte Tillerson, dass Polen und die USA beide entschieden gegen Nord Stream 2 seien. Bei seinem Besuch am vergangenen Freitag in Berlin erneuerte der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki die Kritik und warnte, dass sich Europa mit Nord Stream zunehmend von Russland abhängig mache. Der jüngste Schulterschluss mit Warschau ist allerdings leicht durchschaubar: Die USA wollen vor allem Warschau als neuen Abnehmer für ihr Flüssiggas gewinnen.

Und dann gibt es auch noch die Ukraine. Dem ukrainischen Staatskonzern Naftogaz droht durch Nord Stream 2 der Verlust von zwei Milliarden Euro Durchleitungsgebühren – im Jahr. Das sind knapp fünf Prozent der ukrainischen Wirtschaftsleistung. Laut Verträgen in US-Lobbyregistern zahlte Naftogaz über eine Agentur in Brüssel rund 45.000 Dollar an die US-Agentur Value Bridge. Sie organisierte eine Nord-Stream-2-kritische Veranstaltung im texanischen Houston im März 2017 und Nord-Stream-kritische Gespräche mit US-Politikern und Politikerinnen und Pressevertretern. Im November vergangenen Jahres engagierte der Gaskonzern außerdem die Lobby-Agentur Yorktown Solutions für "Dienstleistungen in Regierungsangelegenheiten zur Integration des ukrainischen Gasmarktes in den Energiemarkt der Europäischen Union", wie es im US-Lobbyregister heißt, in dem sich ausländische Auftragnehmer anmelden müssen. Insgesamt spendierte der ukrainische Konzern für seine Aufträge bisher rund 80.000 Dollar. Wie erfolgreich all die Ausgaben aus Sicht der Unternehmen sind, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.