Keine Branche ist politisch von so großem Gewicht wie die Medienbranche. Medien haben nicht nur Einfluss auf die Politik, sie sind integraler Bestandteil der Politik. Weil sie politisch so gewichtig sind, versprechen Medien ihren Eigentümern einen anderen Nutzen als gewöhnliche Unternehmen. Eine Zeitung oder ein Fernsehkanal kann chronische Verluste einfahren und für Investoren trotzdem interessant sein – dann nämlich, wenn sie finanzielles Kapital in politische Macht umwandeln.

Politisch motivierte Investoren haben umso leichteres Spiel, je schlechter das kommerzielle Geschäft in der Medienbranche läuft. Insofern funktioniert der Medienmarkt nicht wie andere Märkte, und daher geht die Rede von "freiem Wettbewerb" oder "Angebot und Nachfrage" in dieser Branche an der Sache vorbei. Viel wesentlicher ist: Lässt sich mit dem Besitz von Medien kein Geld mehr verdienen, wird die Vierte Gewalt zum privilegierten Betätigungsfeld von Milliardären – den Berlusconis, Bezos und Blochers dieser Welt. Mittelfristig verwandelt sich dadurch die Demokratie in eine Plutokratie. Dieses knappe Schlaglicht deutet auf die enorme Bedeutung öffentlich-rechtlicher Medien in modernen Gesellschaften, denn sie sind es, die ein Gegengewicht zu den privaten Medienoligopolen schaffen und eine wichtige Grundlage demokratischer Meinungsbildung gewährleisten können.

Öffentlich-rechtliche Medien

In Deutschland wird immer mal wieder eifrig über den Sinn und Zweck von Rundfunk- und Fernsehgebühren diskutiert. In der Schweiz geht es bei diesem Thema derweil ums Ganze, denn im März wird in einem Volksentscheid über die Abschaffung der Gebühren zur Finanzierung der Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) abgestimmt. "No Billag" nennt sich die entsprechende Initiative einer Gruppe von libertären Figuren, die ihre Namensgebung der Billag AG verdankt. Diese ist, ähnlich der GEZ in Deutschland, für die Gebührenerhebung von Rundfunk- und Fernsehbeiträgen in der Schweiz zuständig.

Der Vorstoß der Initianten erzeugt schon bei einer oberflächlichen Betrachtung ein gewisses Unverständnis: Demokratische Debattenforen durch öffentlich-rechtliche Medien werden in Frage gestellt, während die Filterblasen des Internets die politische Polarisierung und gegenseitige Gesprächsverweigerung auf die Spitze treiben; die Unabhängigkeit öffentlich-rechtlicher Medien wird angezweifelt, zugleich aber die zunehmende Abhängigkeit privater Medienhäuser von Mäzenen, Sponsoren und Inserenten ausgeblendet; schließlich wird den Öffentlich-Rechtlichen eine vermeintliche Monopolstellung untergeschoben, wo doch der private Medienmarkt gleich in doppelter Hinsicht einer Monopolisierungstendenz unterliegt. Im globalen Anzeigenmarkt des Internets durch Google und Facebook und im regionalen Nachrichtenmarkt durch lokale Mediengruppen.

Wir meinen: Das öffentlich-rechtliche Informationsangebot verfälscht nicht einen funktionierenden privaten Wettbewerb, sondern es korrigiert ein demokratisch gefährliches Marktversagen.

Plattformkapitalismus und Marktversagen

Wie aber konnte es zum Marktversagen kommen? Der Verweis auf das Internet genügt als Antwort nicht. Der entscheidende Faktor ist das Geschäftsmodell der Plattform auf zweiseitigen Märkten. Wenn wir heute von Plattformkapitalismus sprechen, denken wir an Internetgiganten wie Google, Facebook, Amazon, Uber oder Airbnb. Es gab ihn aber schon im analogen Zeitalter, und das klassische Beispiel ist die Medienindustrie. Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen sind Plattformen in einem zweiseitigen Markt, der aus Anzeigenkunden auf der einen und Medienkonsumenten auf der anderen Seite besteht. Auf zweiseitigen Märkten gelten, wie der französische Wirtschaftsnobelpreisträger Jean Tirole gezeigt hat, besondere Preis- und Wachstumsgesetze, weshalb es möglich ist, dass die Konsumenten auf einer Seite des Marktes gar nichts bezahlen. Sie sind nämlich selbst das Produkt, das die Plattform auf der anderen Seite umso teurer verkauft. Ohne diese besonderen Gesetze wäre das 20. Jahrhundert nicht zum Zeitalter der Massenmedien geworden, hätten sich doch die meisten Menschen den Medienkonsum gar nicht leisten können.

Was Plattformen eine enorme Ausdehnung ermöglicht, macht sie aber auch extrem verwundbar: Man kann sie von zwei Seiten angreifen. Erhalten sie starke Konkurrenz auf einer Seite des Marktes, wirkt sich das direkt auf die andere Seite aus, und sobald dort die Rückgänge nicht mehr kompensiert werden können, setzt eine Abwärtsspirale ein. In dieser Abwärtsspirale befinden sich große Tageszeitungen seit zwei Jahrzehnten. Als das Internet aufkam, setzten sie in einer fatalen Fehlausrichtung ihrer Plattformstrategie auf digitale Gratisinhalte, in der Hoffnung, ein starker Medienkonsum auf ihren Websites würde auch die Anzeigenkunden anlocken. Das geschah nie, denn bald entstanden im Internet neue, für Inserenten attraktivere Plattformen, bevor Google und Facebook das digitale Anzeigengeschäft aufsaugten.