Als die Zeitungsmacher merkten, dass ihre Strategie gescheitert war, hatten sie bei ihren Medienkonsumenten schon eine Gratismentalität herangezüchtet, die einen Ausgleich der Anzeigenverluste durch immer höhere Bezahlschranken für Abonnenten verunmöglichte. Das Geschäft mit Inseraten schrumpft seit Jahren rapide, nachdem es bei Qualitätszeitungen noch in den 1990er Jahren bis zu 80 Prozent der Einnahmen ausgemacht hat. In der Schweiz bezahlen Leser für das Jahresabo einer einzigen Zeitung oft mehr, als die Billag an Gebühren für das gesamte SRG-Angebot einzieht. Und in Deutschland wird es nicht anders aussehen. Werden die Abopreise weiter steigen, springen noch mehr Leser ab, und die Anzeigenpreise sinken erneut. Seit Jahren jagt eine Sparübung die andere, Redaktionen werden zusammengelegt, die Printausgaben dünnen aus. Ein Ausweg aus der Abwärtsspirale ist nicht in Sicht, es sei denn, man lässt sich erschöpft in den Schoss eines Milliardärs fallen.

Die Krise in der Medienbranche ist strukturell so gewaltig und politisch so gefährlich, weil der digitale Plattformkapitalismus, anders als seine analogen Vorläufer, zur Ausbildung globaler Monopole tendiert. Google und Facebook haben unter Ausnutzung der Netzwerkeffekte des Internets auf einer Seite ihres Marktes – dort, wo ihre Dienste gratis sind – den Wettbewerb bereits ausgeschaltet. Dank der effizienten Vermarktung ihrer Milliardenkundschaft sind sie nun daran, auch auf der anderen Seite, im digitalen Anzeigengeschäft, ein Oligopol zu errichten. Dabei können Google und Facebook, weil sie in zweiseitigen Märkten tätig sind, private Medienunternehmen an den Rand des Ruins bringen.

Extrem problematisch daran ist, dass sie die Informations- und Kommunikationsfunktionen klassischer Medien nicht ersetzen: Sie produzieren keine Nachrichten, prüfen kaum Informationen und veranstalten keine Debatten. Sie leisten keinen aktiven Beitrag zu einer aufgeklärten politischen Meinungsbildung, ja treiben durch geheime Algorithmen ihre Nutzer in veritable Meinungspferche.

Genau deshalb sind die Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit eine Gefahr für die Demokratie. Die letzte Bastion, die von ihnen nicht geschleift werden kann, sind die öffentlich-rechtlichen Medien.

Monopolisierung à la Suisse

Wer nun denkt, hier werde ein zu negatives Bild produziert, um öffentlich-rechtliche Medien umso positiver erscheinen zu lassen, führe sich ganz nüchtern die aktuelle Situation am Beispiel des Schweizer Medienmarktes vor Augen. Die Zürcher Medienhäuser NZZ und Tamedia machen für ihr Nachrichtengeschäft im Kleinen, was Google und Facebook für ihr Anzeigengeschäft im Großen tun: Sie bauen regionale Monopole auf. Die NZZ beherrscht den privaten Medienmarkt in der Ost- und Innerschweiz, Tamedia jenen im Raum Bern und in der Westschweiz. Die einzige Konkurrenz mit einer kritischen Größe, die sie in diesen Nachrichtenmärkten noch haben, ist die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft mit ihren Regionalredaktionen. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass sich NZZ-Chefredakteur Eric Gujer zuletzt sehr kritisch gegen die Öffentlich-Rechtlichen geäußert hat.

Es steht etwas auf dem Spiel

Angesichts der Existenzkrise der Zeitungsindustrie gilt das Gegenteil der Behauptung, die Demokratie brauche keine öffentlich-rechtlichen Medien mehr. Sie braucht sie mehr denn je. Wem das Fortbestehen einer pluralistischen Demokratie mit einer funktionierenden Debattenkultur am Herzen liegt, kann kein Interesse daran haben, die einzige Säule der Medienbranche einzureißen, die finanziell auf solidem Fundament steht und als Diskussionsforum wirkt. Und wer, wie die Initiatoren der "No-Billag"-Initiative davon träumt, dass aus der Asche der Öffentlich-Rechtlichen zahlreiche privat finanzierte Medienphönixe aufsteigen, sollte sich bald auf eine andere Realität einstellen. Eines ist nämlich klar: Gibt es nationale Radio- und Fernsehanstalten wie die SRG nicht mehr, wird auch der Einfluss ausländischer Medienkonzerne auf die nationale Politik steigen. Sie besitzen bereits in ihren Heimmärkten die kritische Masse oder finanzielle Kraft, um Google und Facebook mittelfristig standzuhalten.