ZEIT ONLINE: Frau Jennings, als Politikwissenschaftlerin haben Sie Fälle sexueller Ausbeutung und Missbrauch in UN-Friedensmissionen untersucht. Jetzt wird berichtet, dass Mitarbeiter der Hilfsorganisation Oxfam Frauen in Haiti und im Tschad sexuell missbraucht haben sollen. Sie sollen Frauen, die auf Hilfe angewiesen waren, zum Sex gezwungen haben, und es gab Berichte über Vergewaltigungen. Erleben die Entwicklungsorganisationen ihren eigenen Weinstein-Skandal?

Kathleen Jennings: Eine Parallele liegt darin, dass sexuelle Ausbeutung und Missbrauch in vielen Sektoren verbreitet sind, die in Konflikt- und Post-Konflikt-Regionen arbeiten: in der humanitären Hilfe, der Entwicklungszusammenarbeit, auf Friedensmissionen, im Militär. Hier geht es also nicht nur um Oxfam. Machtmissbrauch gab es in diesen Bereichen schon immer. Die Vereinten Nationen, die in den 1990er Jahren und nach der Jahrtausendwende ihre eigenen Skandale erlebten, haben einigen Fortschritt im Umgang mit sexueller Ausbeutung und Missbrauch erzielt – die Nichtregierungsorganisationen hingegen haben das Thema vernachlässigt.

ZEIT ONLINE: Wenn sexuelle Ausbeutung und Missbrauch in der Entwicklungszusammenarbeit und Nothilfe so häufig sind, warum wird das erst jetzt zum Skandal?

Jennings: Ein Teil der Antwort ist: Die Zeit ist reif wegen der #Metoo-Debatte. Der Oxfam-Skandal schließt daran an. Zudem gibt es einige rein britische Gründe: Die Regierung dort möchte das Budget für Entwicklungszusammenarbeit kürzen, deshalb passt die Diskussion über Oxfam zur innenpolitischen Lage.

ZEIT ONLINE: Die Skandale um UN-Blauhelme sind schon einige Jahre her. Was hat sich seither verändert?

Jennings: Die Vereinten Nationen hatten ihre Skandale mit Prostitution und Menschenhandel in Kambodscha und auf dem Balkan, vor allem in Bosnien. Blauhelme waren ebenso darin verwickelt wie Leute von privaten Militärfirmen. Das war in den Neunzigerjahren und damals gab es nicht viel Aufmerksamkeit für diese Skandale. Die allgemeine Haltung war: So etwas passiert eben in einer Konfliktregion. Oder: So sind Männer halt.

Das änderte sich mit den neuen Fällen nach der Jahrtausendwende, im Kongo, in Liberia und Sierra Leone. Die Vereinten Nationen merkten, dass sie etwas tun mussten, weil diese Skandale die Legitimität der Friedenseinsätze bedrohten – und weil sie einfach schlechte PR waren. Seither nehmen die Vereinten Nationen Fälle von sexueller Ausbeutung und Missbrauch ernst und haben ziemliche Fortschritte gemacht.

ZEIT ONLINE: Welche Parallelen gibt es zwischen den Vereinten Nationen und Oxfam oder anderen Hilfsorganisationen?

Jennings: Sie sind im gleichen Umfeld aktiv, sie arbeiten in von Katastrophen zerstörten oder armen Ländern. Die Forschung zeigt, dass die Kultur der Intervention an diesen Orten wirklich toxisch und stark sexualisiert sein kann. Was keine Entschuldigung ist. Aber Liberias Hauptstadt Monrovia war im Jahr 2005 einfach wie der Wilde Westen.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit toxischer Kultur?

Jennings: Es ist eine Umgebung, in der Missbrauch normalisiert wird. Die Leute denken: So funktioniert das hier halt.

Plötzlich merken sie, dass in dieser Blase ein Verhalten erlaubt ist, das sie zu Hause nie dulden würden.

ZEIT ONLINE: Denken sie das, weil Gewalt und sexueller Missbrauch in einem Land wie Liberia 2005, nur zwei Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, tatsächlich so normal waren? Verschieben sich dadurch die Werte der Helfer?

Jennings: Die Ursachen liegen weniger in der liberianischen Gesellschaft als in der Art, wie diese von der internationalen Gemeinschaft gesehen wird. Stellen Sie sich das Land kurz nach dem Krieg vor: kaum entwickelt, zerstört und arm. Dann kommen all diese Nothelfer und bringen viele Ressourcen, um das Land aufzubauen. Die meisten haben gute Absichten. Sie wollen helfen. Aber sie bleiben nur kurze Zeit – und plötzlich merken sie, dass in dieser Blase ein Verhalten erlaubt ist, das sie zu Hause nie dulden würden. Sie leben alle auf engem Raum, in wenigen Vierteln der Hauptstadt. Sie sehen stets die gleichen Leute. Sie bekommen mit, was andere tun, und sie hören immer wieder die gleichen Geschichten, die wie Entschuldigungen funktionieren.

ZEIT ONLINE: Was für Geschichten?

Jennings: Geschichten wie: Liberianische Frauen und Mädchen handeln immer mit Sex; das ist für sie nicht weiter wichtig. Oder: Mädchen haben für gute Noten Sex mit ihren Lehrern; das ist ganz normal. Zuhause mögen die Helfer eine Familie haben und ein angepasstes, bürgerliches Leben führen. Aber in Liberia sind sie in einem Umfeld, das ihnen signalisiert: Alles geht. Was hier passiert, bleibt auch hier. Und die Zentrale in Europa hat kaum die Möglichkeit, zu kontrollieren, wie sich ihre Leute im Einsatz tatsächlich verhalten.

ZEIT ONLINE: Sie sagen also, sexueller Missbrauch sei für Leute in der Entwicklungsarbeit normal?