Das war eine eigenartige Szene im Dezember des vergangenen Jahres, in der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Der angeschlagene Präsident Nicolás Maduro hatte gerade angekündigt, eine Kryptowährung namens Petro einzuführen. Sie werde die Wirtschaftsprobleme des Landes lösen. Hastig stellten die Beamten des Präsidenten ein Symposium auf die Beine und flogen eine Riege von Fachleuten aus dem Ausland ein: Geldberater und Währungshändler, zum Beispiel Nick Spanos vom Informationsdienst Bitcoin Center New York City. Es waren Leute, die sich mit digitalen Währungen auskennen.

Da saßen dann auf der einen Seite ultraliberale Kapitalisten aus dem Land des imperialistischen Erzfeinds, den Vereinigten Staaten – Leute wie Spanos sind ja nicht zuletzt deshalb so fasziniert von digitalen Währungen, weil sie von staatlich gemachtem Geld nicht viel halten, und eigentlich auch nicht von staatlicher Einmischung im Allgemeinen – und auf der anderen Seite hörten ihnen die staatlichen Angestellten von Nicolás Maduro zu, der in seinem Land bekanntermaßen ein besonders kontrollsüchtiger und regelungswütiger Präsident ist. Maduro hat zuletzt wütende Millionenproteste auf den Straßen mehrerer venezolanischer Großstädte niedergeschlagen und das Parlament des Landes weitgehend entmachtet. Einwandfrei demokratisch ist seine Regierung also nicht.

Ein merkwürdiger Gegensatz. Doch offenbar war das Symposium erfolgreich, denn an diesem Dienstag brachte Venezuela den Petro an den Markt. Staatschef Maduro stand im Präsidentenpalast Miraflores und erklärte überschwänglich – und wie erwartet – die neue Währung zum "rauschenden Erfolg". Sie sei Venezuelas Schritt "ins 21. Jahrhundert"; eine Währung "stark wie Superman" sei geschaffen worden. Eine Wirtschaftskennziffer wurde auch genannt: Gleich am ersten Tag habe der Petro dem Staat mehr als 735 Millionen Dollar eingebracht. 

Vorsicht, Überschwang!

Die Venezolanerinnen und Venezolaner sind überschwängliche Erklärungen aus dem Miraflores-Palast gewohnt. Sie behandeln sie mit großer Vorsicht – die internationale Finanzpresse hat da weniger Erfahrung. Die 735 Millionen Dollar wurden gleich in aller Welt als Fakt gemeldet, und es kursieren noch andere große Zahlen: 100 Millionen Petro wolle die Regierung ausgeben, und der Preis eines Petro soll etwa dem Wert eines Barrels Öl entsprechen, also gut 60 Dollar das Stück. Das würde Venezuela Einnahmen von sechs Milliarden bringen – Geld, das das Land dringend braucht. 

Wie realistisch sind die Erwartungen? Aus den Kreisen venezolanischer Digitalexperten ist zu erfahren, dass Maduros Fachleute in den vergangenen Wochen ein Rennen gegen die knappe Zeit gelaufen sind. Sie tauschten sich mit chinesischen und russischen Experten aus und erleichterten sich einen Teil der Arbeit, indem sie für ihre neue digitale Währung eine bereits existierende Technik nutzten, die Ethereum-Plattform für digitale Kontrakte. Über die vergangenen Wochen gerieten sie regelmäßig in Panik, weil ihr Staatschef sich immer wieder öffentlich zu irgendwelchen Details der neuen Währung äußerte, die sie noch rasch berücksichtigen mussten. Maduro beschloss zum Beispiel erst im Januar, dass sich der Kurs der neuen Währung tatsächlich wörtlich am Preis eines Fasses Öl orientieren solle.

Herausgekommen ist nun ein merkwürdiges Konstrukt, das seit Dienstag "in einer Vorverkaufsphase" verbreitet wird: Das heißt, dass größere Mengen von Petro an institutionelle Investoren übertragen werden. Die Regierung hat nicht bekannt gegeben, welche Institutionen an welchen Orten auf der Welt sich überhaupt für den Kauf von Petro interessieren könnten – das muss sie auch nicht, es sind private Geschäfte. Venezolanische Delegationen mit Petro-Werbematerial im Gepäck sollen zuletzt in Katar, der Türkei und in China unterwegs gewesen sein. Man habe sogar US-amerikanische und europäische Investoren angesprochen, heißt es.

Rabatte auf den Preis

Die Preise, zu denen der Petro in diesen Tagen den Besitzer wechselt, können allerdings frei verhandelt werden. Es ist nicht davon auszugehen, dass wirklich jemand den offiziellen "Orientierungspreis" von 60 Dollar zahlt; wahrscheinlich liegt der Preis weit niedriger. Es ist auch nicht klar, ob die von Maduro verkündete Zahl von 735 Millionen Dollar stimmt und woran sie sich orientiert. Sind es tatsächlich eingenommene Dollarbeträge? Oder doch eher jene Summen, die Maduro bekommen hätte, wenn jeder Petro tatsächlich so viel wert wäre wie ein Fass Öl? 

Kaufmöglichkeiten für die normale Bevölkerung soll es erst später geben, voraussichtlich in einer zweiten Ausgabephase ab dem 20. März. Etwa 17 Prozent der Währung sollen in den Händen des Staates bleiben, was die jetzt viel gemeldete Zahl von sechs Milliarden Dollar noch einmal relativiert.

Maduros Regierung hat angekündigt, dass die Venezolanerinnen und Venezolaner demnächst alle möglichen staatlichen Dienstleistungen in der neuen Währung bezahlen können: Gebühren bei den Ämtern zum Beispiel und sogar ihre Steuern. Vielleicht kriegen Angestellte im öffentlichen Dienst ihre Gehälter gleich in Petro ausbezahlt, das ist sogar recht wahrscheinlich, denn der Staat ist sehr pleite und die Staatsangestellten können sich kaum wehren. Falls das Petro-Projekt scheitert, währen ihre Löhne wertlos.