Von einer Abhängigkeit in die nächste – Seite 1

Für die Menschen im argentinischen Patagonien ist der Fluss Río Santa Cruz ein Heiligtum. Sein schillerndes Türkis nennen sie ehrfurchtsvoll celeste, himmelblau. Der Río Santa Cruz ist einer der letzten Gletscherflüsse Lateinamerikas, Heimat seltener Tiere und Touristenattraktion. Nun steht ein Eingriff bevor, der den Fluss verändern wird: Zwei riesige Staudämme, Condorr Cliff und La Barrancosa, 40 und 75 Meter hoch, sollen sein Wasser sammeln und mit dessen Hilfe Strom für die Metropolen im Norden des Landes produzieren. Ihr Bau kostet mehr als 4,7 Milliarden Dollar, sie gehören zu den teuersten Bauprojekten in der Geschichte Argentiniens. Finanziert von chinesischen Banken.

In ganz Lateinamerika wächst der Einfluss Chinas. Die Regierung in Peking ist schon längst der größte Geldgeber der Region und der wichtigste Handelspartner von Brasilien, Chile und Peru. Chinesische Banken haben im letzten Jahrzehnt Kredite im Wert von mehr als 150 Milliarden Euro nach Lateinamerika überwiesen, weit mehr als die Weltbank und der Internationale Währungsfonds. China finanziert Kohlekraftwerke in Brasilien, Helikopter in Bolivien und Öl-Raffinerien in Ecuador.

Auch der Handel zwischen Lateinamerika und China boomt. Nach Angaben der Interamerikanischen Entwicklungsbank ist das Handelsvolumen innerhalb von 15 Jahren von weniger als 10 Milliarden Dollar auf 200 Milliarden Dollar im Jahr 2014 gestiegen. Wenn es nach dem Willen der chinesischen Regierung geht, soll sich diese Summe bis Ende des nächsten Jahres verdoppeln.

Die Abhängigkeit von China wächst

Chinas eigene Ressourcen reichen dem Land schon lange nicht mehr. Es hat zu wenig Sojabohnen, um seine Nutztiere zu ernähren, zu wenig Kupfer und Eisen für die Industrie und zu wenig Öl, um seinen Energiebedarf zu decken. Lateinamerika hat vieles davon zu bieten. Und China hat das Geld.

"Die chinesischen Regierung betont stets den wechselseitigen Nutzen der Beziehung, die Win-Win Situation", sagt Matt Ferchen vom Pekinger Forschungszentrum Carnegie-Tsinghua Center for Global Policy, das die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und Lateinamerika untersucht. Eine Zeit lang stimmte das auch. Weil die Preise für Rohstoffe in den 2000er Jahren stark gestiegen waren, profitierten die lateinamerikanischen Länder tatsächlich vom Handel mit China.

Doch als die Preise für Ressourcen seit etwa 2013 wieder fielen, änderte sich das. Heute kann China relativ billig in Lateinamerika einkaufen. Außerdem verkaufen chinesische Firmen immer mehr teure Produkte wie Laptops oder Autos auf lateinamerikanischen Märkten. Der Win-Faktor für China ist inzwischen wesentlich größer als der für Lateinamerika. 

China füllt ein Machtvakuum

Das weckt Erinnerungen, Stichwort dependencia: In den Sechzigerjahren waren es lateinamerikanische Wissenschaftler, die die Abhängigkeit des Kontinents von Europa und Nordamerika kritisierten. Jetzt also China? Ferchen sagt, er wundere sich, dass die lateinamerikanischen Regierungen China nicht stärker zurückdrängten. "Gegen China macht keiner den Mund auf." Würden Europa oder die USA vergleichbar handeln, wäre das anders. 

Teilweise liegt die Zurückhaltung der lateinamerikanischen Regierungen daran, dass sie im Engagement Chinas vor allem eine Chance sehen. Für sie ist die Volksrepublik ein attraktiver Geldgeber und Investor. Im Gegensatz zur Weltbank oder dem IWF geben chinesische Banken ohne große Auflagen viel Geld für die Infrastrukturprojekte, die die Region dringend braucht. "Aber die Kooperation hat ihren Preis", sagt Oliver Stuenkel, Professor für Internationale Beziehungen am Institut Fundação Getulio Vargas in São Paolo. "Der enorme Einfluss Chinas könnte auch die politische Freiheit des Kontinents einengen". Kritik am chinesischen Regime werde unwahrscheinlicher. Die Konsequenzen sind bereits sichtbar: Dass Panama im vergangenen Jahr die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan beendet hat, kann auf den Einfluss der chinesischen Regierung zurückgeführt werden.

Umweltstandards spielen keine Rolle

Chinas wachsendes Interesse an Lateinamerika fällt in eine Zeit, in der sich die USA von dem Kontinent abwenden. US-Präsident Donald Trump hat erst kürzlich die Entwicklungshilfe um 35 Prozent gekürzt. Wirtschaftlich interessiert er sich nicht für Lateinamerika, er spricht lieber von den bad hombres, die seiner Meinung nach eine Gefahr für die USA darstellen. Und auch Europa tut sich schwer, die Beziehung zu Lateinamerika zu stärken: Seit fast 20 Jahren stocken die Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur. Die europäische Agrarlobby blockiert. "China füllt das Machtvakuum", sagt Stuenkel.

Das Staudammprojekt in Patagonien etwa ist für die Chinesen aus mehreren Gründen interessant. Einerseits verlangen die chinesischen Banken Zinsen für die Kredite und verdienen an ihnen. Andererseits ist es laut Ferchen ein Ziel Chinas, seine Unternehmen zu globalisieren. In China selbst ist der Bedarf an Staudämmen weitgehend gedeckt, die Firmen suchen sich Projekte im Ausland.

Und die Chinesen haben es eilig. "Die chinesische Regierung hat starken Druck ausgeübt, damit die Staudämme so schnell wie möglich gebaut werden", sagt Andrés Napoli, Direktor der argentinischen Umweltorganisation Fundación Ambiente y Recursos Naturales (FARN). Was die Dämme für die Umwelt und die Menschen in der Region bedeuten, ist nicht abzuschätzen. Mehrere Umweltorganisationen werfen der argentinischen Regierung vor, Informationen zurückzuhalten. Für die Staudämme sollen Flächen geflutet werden, die doppelt so groß sind wie die Hauptstadt Buenos Aires. Die Menschen in der Provinz Santa Cruz befürchten, dass das Megaprojekt den Gletscher Perito Moreno beschädigt und ihnen damit auch eine wirtschaftliche Grundlage raubt. Denn der Gletscher ist die größte Touristenattraktion der Provinz. 

Der Präsident hat sein Versprechen gebrochen

Bevor Mauricio Macri 2015 zum argentinischen Präsident gewählt wurde, hatte er versprochen, den Bau der Staudämme am Río Santa Cruz zu stoppen. Als er dann im Amt war, brach er sein Versprechen. Die chinesische Regierung hatte gedroht, andere Finanzierungen zu stoppen.

Bewohner der Provinz Santa Cruz wollen das Projekt jetzt juristisch aufhalten, zusammen mit FARN ziehen sie vor Gericht. Die Chancen für einen Sieg stehen jedoch schlecht. Erst vor knapp einem Jahr hat die chinesische Regierung Argentinien aufgefordert, Umweltstudien so schnell wie möglich zu beenden und den Bau voranzutreiben.

China ist dafür bekannt, Sicherheits- und Umweltstandards im Ausland zu missachten. Vor drei Jahren kamen beim Bau eines ähnlichen Staudammes im ecuadorianischen Fluss Coca 14 Menschen ums Leben. Im Vergleich zu chinesischen Projekten in Afrika und Asien gebe es in Lateinamerika zwar eine starke Zivilgesellschaft, die vieles zum Besseren wende, sagt Margaret Myers, Leiterin des China-Lateinamerika-Programms des Washingtoner Thinktanks Inter-American Dialogue. "Aber wenn die lateinamerikanischen Länder die Standards nicht überprüfen, befolgen die Chinesen sie auch nicht."

Die wachsende Bedeutung Chinas in Lateinamerika passt jedenfalls in das neue Selbstverständnis Pekings. Der Präsident der Volksrepublik Xi Jinping will China bis 2050 zur globalen Führungsmacht machen. Chinesische Banken haben bereits mehrere Hunderte Milliarden Dollar in den Bau von Häfen, Straßen und Bahnstrecken gesteckt, um China besser mit dem Rest der Welt zu verbinden. Auch Lateinamerika soll Teil des ehrgeizigen chinesischen Infrastrukturprojekts werden, das die Regierung Neue Seidenstraße nennt. Der brasilianische Politikwissenschaftler Stuenkel sagt: "Im Gegensatz zu den USA hat China eine Vision für Lateinamerika."