Wie kann es sein, dass die Deutsche Bank einen Verlust von einer halben Milliarde Euro einfährt – und zugleich ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Boni in einem Gesamtvolumen auszahlen will, das so hoch ist wie etwa vor zwei Jahren – also geschätzt etwa zwei Milliarden Euro? Es heißt doch Bonus: Gute Leistungen werden damit belohnt, nicht schlechte. Es fällt nicht schwer, sich darüber zu empören. 

Doch welche Alternative hat Deutsche-Bank-Chef John Cryan? Nach – je nachdem, wen man fragt – sechs bis zehn Jahren Krise ist Deutschlands größte Bank ausgelaugt. Die gewaltigen Geldbußen und Prozesskosten für allerlei Skandale, Sparrunden, Filialschließungen, eine marode IT und etliche Strategieschwenks haben die Mitarbeiter mürbe gemacht. Ein Abfindungsprogramm für 1.000 Stellen im Privatkundengeschäft soll schnell überbucht gewesen sein. In keiner der Geschäftssparten läuft es rund. Ob Privatkundengeschäft, Firmenkunden, Investmentbanking: Im vergangenen Jahr schnitten alle Sparten schlechter ab als im Vorjahr. Noch immer arbeitet die Bank zu teuer – da hilft offenbar auch nicht, dass man die Zahl der verschiedenen Betriebssysteme schon von 45 auf 32 reduziert habe.

Immer noch im Krisenmodus

Das Geschäft mit Unternehmensanleihen läuft schlecht. Selbst das Investmentbanking, die einstige Vorzeigesparte, meldet sinkende Umsätze und Gewinne. Während andere Geldinstitute in der Größe der Deutschen Bank wieder schwarze Zahlen schreiben, ist sie selbst noch immer im Krisenmodus. 

Kurzfristig noch mal Strategie und Strukturen zu ändern, ist kaum möglich und wäre auch nicht sinnvoll. Es bleibt nichts anderes als die Hoffnung, dass es in diesem Jahr besser läuft. Hoffen, dass das Geschäft wieder anspringt, dass die Zinsen steigen und die so umstrittenen Investmentbanker in London wieder öfter große Deals und Fusionen betreuen.

Damit das gelingt, braucht die Bank motivierte Mitarbeiter. Darum will der Vorstand sogar selbst erneut auf Boni verzichten. Die geplanten Zahlungen an die Mitarbeiter, das Gute-Laune-Paket, fällt sogar höher aus als bislang gedacht. Eine gewaltige Summe angesichts der verqueren Lage des Instituts. Der Vorstand greift zur alten Logik der Bankenwelt: Viel Geld soll viel motivieren. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass ausgerechnet jene Sparte jetzt den Erfolg bringen soll, deren Einfluss und Hybris die Führungsspitze um Cryan doch eigentlich einhegen wollte. 

Es ist eine Wette, und man kann bei der Größe und Bedeutung der Deutschen Bank für die heimische Wirtschaft und die Finanzmärkte weltweit fast nur hoffen, dass sie aufgeht. Die Extramilliarden sind aber auch ein Zeichen der Ratlosigkeit, sie sind eine Verzweiflungstat.

Anmerkung 10. März 2018, 18 Uhr:
In einer früheren Fassung hieß es:
"Ob Privatkundengeschäft, Firmenkunden, Investmentbanking: ein einziges Drama." Dies wurde konkretisiert: "Ob Privatkundengeschäft, Firmenkunden, Investmentbanking: Im vergangenen Jahr schnitten alle Sparten schlechter ab als im Vorjahr."
Außerdem hieß es in der früheren Fassung: "(...) die Integration der Tochter Postbank kostet mehr als gedacht." Die Deutsche Bank legt Wert darauf, dass dies nicht der Fall ist. Der entsprechende Satz wurde gestrichen.

Die Redaktion/muk

Deutsche Bank - "Schäuble oder Scholz? Ich kenne mich mit Fußball nicht aus" Er fährt gern gebrauchte BMW und ist kein Fußballkenner: Deutsche-Bank-Chef John Cryan spricht im Video mit ZEIT-ONLINE-Chefredakteur Wegner – auch über umstrittene Boni.