ZEIT ONLINE: Was machen wir mit dieser Erkenntnis?

Snower: Wir müssen mehr auf die Verteilungswirkungen des Freihandels schauen, die Wohlstandsgewinne gerechter verteilen. Aber das allein wird nicht reichen. Viele Menschen glauben, sie seien der Globalisierung quasi hilflos ausgeliefert, sie fürchten, ihr Schicksal nicht mehr selbst bestimmen zu können. Und das auch unabhängig von ihrer eigenen materiellen und sozialen Stellung in der Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Stimmt das nicht?

Snower: Viele Menschen verrichten Tätigkeiten, die in ein paar Jahren von Maschinen übernommen werden. Dass man sich angesichts dessen Sorgen um die eigene Zukunft macht, ist nur zu verständlich. Aber es ist falsch, anzunehmen, man könne diese Entwicklung irgendwie aufhalten. Die Automatisierung wird kommen, und wir müssen die Menschen dazu befähigen, damit umzugehen.

ZEIT ONLINE: Wie denn?

Snower: Wir müssen radikal umdenken: in der Ausbildung, der Fortbildung, der Beschäftigungspolitik. Wenn Maschinen künftig noch viel mehr besser und schneller können als wir, dann müssen wir unsere ganze Arbeitswelt neu definieren. Wir müssen uns Gedanken machen, wie eine vernünftige Wirtschaftspolitik im digitalen Zeitalter aussehen muss. Die Politik muss den Bürgern sagen: Wir haben das Problem erkannt, jetzt bauen wir das System um. Eine Idee, die gerade wieder stark diskutiert wird, ist das bedingungslose Grundeinkommen. Aber das würde Menschen eher ohnmächtiger machen, als sie für die neue Arbeitswelt zu befähigen.  

ZEIT ONLINE: Was sagen Sie einem Lkw-Fahrer, dessen Job in fünf bis zehn Jahren nicht mehr existieren wird, weil sein Fahrzeug völlig autonom fährt?

Snower: Durch die Digitalisierung werden in jedem Fall Jobs verloren gehen, und der Lkw-Fahrer gehört sicher dazu. Das darf man nicht schönreden. Das ist aber nur ein weiterer Grund, umzudenken. Beispielsweise in der Art und Weise, wie wir mit Arbeitslosigkeit umgehen: Arbeitslose sollten ein Weiterbildungskonto erhalten: Je länger sie arbeitslos sind, desto mehr Geld fließt auf dieses Konto. Das würde mehr bringen, als sie lediglich dauerhaft zu alimentieren. Damit würde ihnen zudem die Chance gegeben, mit dem technologischen Wandel Schritt zu halten. Denn es werden nicht nur viele Jobs wegfallen, sondern es könnten auch möglicherweise viele neue entstehen.

ZEIT ONLINE: Das alles sind langfristige Maßnahmen. Wie sollte Europa kurzfristig auf die Wirtschaftspolitik von Trump reagieren? Die Steuerreform macht die USA quasi zu einer kleinen Steueroase.

Niemand kann wirklich einen Handelskrieg wollen. Wir wissen aus der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen, was daraus erwachsen kann.
Denis Snower

Snower: Jetzt in einen Steuerwettbewerb einzutreten, wäre sicher der falsche Schritt. Europa kann es sich auch leisten, selbstbewusst aufzutreten.

ZEIT ONLINE: Warum können wir uns das leisten?

Snower: Wir sind immer noch eine wohlhabende Region mit einem ausgebauten Sozialsystem. Aber ich gebe Ihnen ein Beispiel jenseits des Arbeitsmarktes, zugespitzt und vereinfacht: In Amerika wissen die Konzerne fast alles über ihre Nutzer, in China ist es der Staat, der alle möglichen Daten über seine Bürger sammelt. In Europa versucht man dagegen, die Rechte des Individuums, seine Privatsphäre zu verteidigen. Daten sind die neue Währung, und die Bürger müssen Eigentumsrechte daran haben. Sie müssen wissen, wer was über sie speichert. Wenn wir unsere Demokratie erhalten und schützen wollen, kann es nur den Weg geben, den Europa einschlägt – zwar bislang nur zaghaft, aber immerhin.

ZEIT ONLINE: In der Handelspolitik kritisiert Trump vor allem China. Das Land wolle seine Waren in alle Welt verkaufen, aber die eigenen Märkte würden dagegen abgeschottet. Ist der wahre Protektionist China?

Snower: Einfach so auf China loszugehen, ist die falsche Strategie. China muss Rechenschaft ablegen, wie jedes andere Land auf der Welt auch. Wir müssen international regelgebunden und nicht national egoistisch agieren. Chinas Protektionismus muss mithilfe der Welthandelsorganisation gelöst werden und nicht durch die USA im Alleingang.

ZEIT ONLINE: Bislang hat das nur unzureichend funktioniert.

Snower: Ja, das heißt aber nicht, dass es der falsche Weg ist. Uns bleibt nur wenig Zeit, aber es ist immer noch möglich, umzusteuern. Frustrierend ist nur, dass die Politik bis heute nicht wirklich begriffen hat, wie tiefgreifend der Wandel in den kommenden Jahren sein wird.