Wenn Jan Voss mit seinem gelbgrünen Kutter auf die Nordsee vor Büsum hinausfährt, fischt er nicht wie alle anderen deutschen Krabbenfischer mit Schleppnetzen. Seine Netze senden über Elektroden Stromschläge ins Wasser. Damit schreckt er am Meeresboden die Krabben auf. Sie zucken zusammen, springen durch den Impuls hoch und Voss kann sie in einigem Abstand über dem Grund abfischen.

"Beim Elektrofischen ist die Qualität der Krabben besser, ich muss weniger aussortieren und verbrauche weniger Diesel", sagt Voss. Wenn es nach ihm ginge, würden alle Krabbenfischer mit Strom arbeiten. Bisher ist er aber der einzige in Deutschland, der eine Lizenz für die Pulsfischerei nutzt. Für 130.000 Euro hat er vor drei Jahren auf eigene Kosten seinen Kutter umgerüstet und einen Kredit aufgenommen.

Seine Investition könnte sich jetzt als Fehlentscheidung entpuppen. Womöglich verbietet die EU das Elektrofischen wieder, dann dürfte Jan Voss seine neue Technik nicht weiter nutzen – die teure Anschaffung wäre umsonst gewesen. Für den Krabbenfischer steht viel auf dem Spiel: Der Kredit ist noch nicht abbezahlt, mehr Umsatz hat er in den vergangenen Jahren auch nicht gemacht, um die Ausgaben reinzuholen. "Das Geld wäre einfach weg", befürchtet Voss.

2009 hatte die EU das Verfahren mehrheitlich befürwortet. Nach der achtjährigen Testphase wollte die EU-Kommission die Pulsfischerei ausweiten – das EU-Parlament stimmte indes für eine komplette Abschaffung in europäischen Gewässern. Die Entscheidung des Rats steht noch aus.

Besser für den Meeresgrund

Voss kann die Kehrtwende nicht nachvollziehen. Er hatte seinen Krabbenkutter umgerüstet, weil er überzeugt war, dass das Elektrofischen besser für die Umwelt ist als die traditionelle Fangmethode. An den herkömmlichen Schleppnetzen hängen schwere Eisenketten oder Rollen, die Kutter ziehen sie über den Meeresgrund, um Krabben oder Plattfische zu fangen. Denn diese leben auf dem Seegrund und buddeln sich dort ein. Darum sind sie schwerer zu fangen als Fische, die viel im Wasser herumschwimmen oder an die Oberfläche kommen. Mit den Schleppnetzen wühlen die Fischer aber den Meeresboden auf und zerstören dort Pflanzen und Lebewesen.

Voss' Großvater und Vater haben so gefischt und auch er selbst machte es fast 30 Jahre lang auf diese Weise – seit er 14 war. Heute ist er 43, er wollte mit der Tradition brechen, es besser machen. Voss hörte, dass Elektrofischen den Meeresboden weniger zerstört – das war von Beginn an auch das wichtigste Argument von Fischern für die neue Technik.

Zugleich bietet sie wirtschaftliche Vorteile. Das hat auch Jan Voss schnell gemerkt. Weil er die Netze nicht mehr über den Boden schleift, verbraucht sein Kutter weniger Kraftstoff, etwa 40 statt früher 55 Liter Diesel pro Stunde. Bei den Fischkuttern, die Plattfische mit Stromstößen fangen, habe sich der Energieverbrauch sogar halbiert, sagt Daniel Stepputtis vom Thünen-Institut für Ostseefischerei. Denn die Plattfischfänger verbrauchen bei der traditionellen Fischerei wegen der schweren Eisenketten besonders viel Sprit.

Hinzu kommt: Voss' Krabben sind beim Stromfischen von besserer Qualität. Das liegt am geringeren Beifang – also den Seesternen, Muscheln und Fischen, die ihm unabsichtlich mit ins Netz gehen. Der hohe Beifang ist gerade bei der Krabbenfischerei mit den sehr engmaschigen Netzen ein großes Problem. Viele Tiere sterben, bevor sie wieder ins Wasser gelangen, oder zerquetschen im Netz die Krabben. Die lassen sich dann nicht mehr verkaufen. Laut Forschern nimmt mit der Elektrofischerei der Beifang um etwa die Hälfte ab. Für Voss' Crew heißt das: seltener Netze einholen, weniger aussortieren und mehr Zeit für Schlaf, während die Netze ausgeworfen sind.