Es wird langsam ernst. Im kommenden Jahr ist der Chefposten bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zu vergeben. Die Amtszeit von Mario Draghi endet. Wer zum Zuge kommen will, der muss sich jetzt in Stellung bringen. Und für die neue Bundesregierung stellt sich die Frage: Soll sie Bundesbankpräsident Jens Weidmann als Kandidaten vorschlagen?

In den vergangenen Tagen sind aus unterschiedlichen politischen Lagern Argumente gegen eine Kandidatur Weidmanns vorgebracht worden. In linken Kreisen wird argumentiert, dass eine Ernennung von Weidmann zum europäischen Notenbankchef so etwas wie einem Todesurteil für die gemeinsame Währung gleichkäme, weil der Deutsche ohne Rücksicht auf Verluste seine teutonischen Stabilitätsfantasien ausleben werde.

In konservativen Zirkeln hingegen ist zu hören, Weidmann werde, wenn er erst einmal für die Geldwertstabilität der gesamten Währungsunion zuständig sei, nicht umhinkommen, wie sein Vorgänger Draghi Maßnahmen zu ergreifen, die in Deutschland nicht gut ankommen. Wenn die Deutschen aber erst einmal mitbekommen haben, dass auch Jens Weidmann den Zins nicht zurückbringt, würden die enttäuschten Wähler Trost bei der AfD suchen, die schon immer gegen den Euro war.

Das mag alles so sein, dennoch greifen beide Argumentationslinien zu kurz.

Zunächst einmal ist Jens Weidmann nicht der Ideologe, für den ihn viele halten. Er hat den vielleicht größten Fehler seiner Karriere gemacht, als er sich gegen die Staatsanleihekäufe stellte, mit denen Mario Draghi im Jahr 2012 die Wende in der Eurokrise herbeigeführt hat. Vielleicht hat er die Dimension der Krise unterschätzt, vielleicht hatte er auch das Gefühl, dass die Deutschen von ihrem Bundesbankpräsidenten einen solchen Kurs erwarten.

Wie auch immer: Fehler machen wir alle, und in vielen anderen Situationen hat sich Weidmann als weitaus pragmatischer erwiesen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er auch als Chef der Europäischen Zentralbank am Ende ein Pragmatiker wäre, zumal dann von ihm nicht mehr erwartet würde, das Geld der deutschen Sparer zu verteidigen.

Und wie reagiert das deutsche Establishment, wenn der vermeintlich harte Weidmann sich als doch nicht ganz so hart entpuppt? Es wird wütende Kommentare geben, keine Frage. Aber die schmutzige Wahrheit über die Geldpolitik ist doch: In der Bevölkerung versteht so gut wie niemand, was die Notenbanken in ihren Glastürmen den ganzen Tag so machen.

Verschwörungstheoretiker müssten ihr Geschäftsmodell ändern

Draghi hat in Deutschland ein Problem, weil die – nicht den Tatsachen entsprechende – Erzählung vom italienischen Investmentbanker, der die Deutschen um die Rente bringt, um sein Heimatland billig mit Geld zu versorgen, irgendwie nachvollziehbar klingt. Wenn an der Spitze der Europäischen Zentralbank aber ein Deutscher sitzt, dann klingt die Geschichte von der international gesteuerten Enteignung der deutschen Sparer schon weniger gut, und so mancher Verschwörungstheoretiker wird sein Geschäftsmodell ändern müssen.

Mit anderen Worten: Als Präsident der Europäischen Zentralbank könnte Jens Weidmann die Deutschen mit der Währung versöhnen, die sie eigentlich nie wollten – und das eröffnet der Notenbank Handlungsspielräume, die sich nutzen lassen.

Wichtig ist das vor allem, weil heute schon klar ist: Auch der Kampf gegen die nächste Krise wird zuvorderst von der EZB geführt werden müssen. Denn dass sich die Euroländer auf eine Reform der Währungsunion einigen, die die Europäische Kommission oder einen noch zu gründenden Europäischen Währungsfonds mit den Instrumenten – und dem nötigen Kleingeld – ausstattet, um die gemeinsame Währung im Ernstfall verteidigen zu können, ist unwahrscheinlich. Deutschland und Frankreich schaffen es ja nicht einmal, wie geplant in der kommenden Woche ein abgestimmtes Konzept dafür vorzulegen, weil die Interessengegensätze zu groß sind.

Also wird wieder die Zentralbank die Krisenfeuerwehr spielen müssen – und wenn der oberste Feuerwehrmann dann in Deutschland mit einem gewissen Vertrauensvorschuss ausgestattet ist, muss das nicht schlecht sein. Aber nur wenn er dann auch bereit ist, den Einsatzbefehl zu geben.

Wasser marsch!