Mark Zuckerberg hat sich bislang aus Washington, D. C. ferngehalten. Als der Gründer und CEO von Facebook sich im vergangenen Jahr aufmachte, jeden US-Bundesstaat zu besuchen – um die Menschen besser zu verstehen, wie er sagte –, stand die Hauptstadt nicht auf seiner Liste. Und als der US-Senat die Manager von Facebook, Google und Twitter zu einer Anhörung über die mögliche Einflussnahme Russlands im Präsidentschaftswahlkampf lud, schickten die Chefs aller drei Unternehmen lieber ihre Anwälte, als sich den Fragen selbst zu stellen. 

Doch womöglich wird Zuckerberg die Hauptstadt bald besuchen müssen. Seit dem vergangenen Wochenende steigt der Druck auf Facebook von allen Seiten. Eine Anhörung Zuckerbergs, so schrieben die demokratische Senatorin Amy Klobuchar und ihr republikanischer Kollege John Kennedy in einem gemeinsamen Brief am Montag, würde es leichter machen, zu verstehen, "was getan wird, um die Daten von Amerikanern zu schützen und Missbrauch zu minimieren". Und das EU-Parlament lud Zuckerberg ein, persönlich "klarzustellen, dass persönliche Daten nicht dazu benutzt werden, um Demokratie zu manipulieren".

Die jüngsten Berichte, denen zufolge Daten von rund 50 Millionen Nutzern ohne deren Zustimmung an die Analysefirma Cambridge Analytica weiterverkauft worden seien, haben das Netzwerk erneut in Erklärungsnot gebracht. Hinter Cambridge Analytica stehen unter anderem der ehemalige Präsidentenberater Stephen Bannon und der konservative Geldgeber Robert Mercer. Mit den Daten soll die Firma eigene Werkzeuge entwickelt haben, um Facebook-Nutzer im US-Präsidentschaftswahlkampf und vor der Brexit-Abstimmung zu beeinflussen – und Facebook hatte offenbar schon 2015 von dem Datenmissbrauch gewusst, seine Nutzer aber nicht informiert. Damit könnte das Unternehmen gegen britisches und amerikanisches Recht verstoßen haben. Seit damals hat Facebook zwar die Regeln für die Freigabe von Nutzerdaten geändert, aber der Vorfall bringt die Firma jetzt dennoch in Schwierigkeiten.

Gestolpert über sich selbst

Er könnte sogar zu einem Wendepunkt für das 14 Jahre alte Unternehmen werden. Das glaubt zumindest Robert Siegel, Partner der Wagniskapitalfirma XSeed Capital im Silicon Valley und Professor für Mikrobiologie und Immunologie an der Universität Stanford. "Mark und Sheryl sind zwei sehr fähige Manager", sagt er. "Aber die Herausforderung, der sie sich gerade gegenübersehen, ist größer als alles, was sie bisher tun mussten." Wenn Facebook weiter existieren wolle, werde es sich ändern müssen.

Jahrelang bestand das Geschäftsmodell von Facebook vor allem daraus, zu wachsen. Allein seit dem Börsengang im Jahr 2012 stieg die Zahl der Nutzer von rund einer Milliarde auf heute 2,2 Milliarden, während der Umsatz von fünf auf 40 Milliarden Dollar wuchs und der Aktienkurs von 38 auf knapp 170 Dollar kletterte. Noch vor sechs Jahren war das Netzwerk an der Börse 104 Milliarden Dollar wert. Heute sind es knapp 500 Milliarden. Facebook hat Konkurrenten wie das Fotonetzwerk Instagram, den Messengerdienst WhatsApp und den VR-Experten Oculus VR immer schnell aufgekauft, um neue Trends frühzeitig selbst zu besetzen und Wettbewerber auszuschalten.

Doch beim rasanten Aufstieg sei Facebook über sich selbst gestolpert, sagen viele. Das Unternehmen sei wie ein Kind, das eines Tages aufwache und plötzlich zwei Meter groß sei, so Siegel. "Es gab schlicht noch nie eine Firma, die so schnell einen solch weitreichenden Einfluss hatte." Die Größe und Verästelung von Facebook mache es immer schwieriger, Probleme frühzeitig zu erkennen und zu reagieren, sagt auch Paul Armstrong. Er ist Gründer der Beraterfirma Here/Forth, die Firmen bei der Nutzung neuer Technologien berät. Zugleich sei die Verantwortung von Facebook aber immens. "Was sie tun, kann Implikationen für den ganzen Markt haben", so Armstrong. 

Flucht vor Verantwortung

Facebook selbst sieht das bislang anders – und weist die Verantwortung für etwaige Manipulationen von sich. Als nach der US-Präsidentschaftswahl Vorwürfe aufkamen, russische Agenten hätten die Plattform zur Wahlbeeinflussung genutzt, nannte Zuckerberg das eine "ziemlich verrückte Idee". Lange blieb er bei dieser Auffassung. Die Facebook-Chefs erklären auch immer wieder, man sei ein Technologiekonzern, kein Medienunternehmen. Deshalb gälten die strengen Auflagen, mit denen Medienkonzerne in den USA reguliert werden, nicht für Facebook.

Das bringt dem Unternehmen Kritik ein – ebenso wie seine Reaktion auf die jüngsten Vorwürfe. Dem britischen Observer, der die Geschichte am Wochenende neben anderen Blättern bekannt machte, hatte Facebook vor der Veröffentlichung mit einer Klage gedroht. Den Account von Christopher Wylie, der selbst für Cambridge Analytica gearbeitet und mit den Zeitungen gesprochen hatte, löschte Facebook kurzerhand. Und am Datenmissbrauch selbst will man keine Schuld haben: Er sei außerhalb des eigenen Einflussbereichs geschehen, argumentierte die Firma. Paul Armstrong überzeugt das nicht: "Selbst wenn es nicht ihr Fehler ist, ist es ihre Verantwortung", sagt er.