Zu den häufigsten Suchanfragen im Internet in Frankreich gehören derzeit die Fragen "Bekomme ich für ein bereits gebuchte Zugticket Geld zurück?" und "Wie ist die Rechtslage bei Verspätung am Arbeitsplatz?". Das ganze Land bereitet sich auf die möglicherweise heftigsten Protestaktionen gegen die Politik von Staatschef Emmanuel Macron vor. Macron war mit einer großen Reformagenda angetreten. In den nächsten Wochen wird sich entscheiden, ob es bei der bloßen Absicht bleibt und er unter dem Widerstand der Straße einknickt, wie viele seiner Vorgänger. Oder ob Frankreich sich tatsächlich wandelt. 

Im letzten Herbst lockerte Macron den Arbeitsmarkt – Hunderttausende protestierten. Diesmal geht der Präsident sogar noch weiter. Die Bildungs- und Ausbildungsreform soll die Zahl der Schul- und Studienabbrecher reduzieren. Trotz einer Arbeitslosenquote von neun Prozent suchen zahlreiche Unternehmen dringend nach Fachkräften. Macron will außerdem die Arbeitslosenversicherung umkrempeln: Wer nicht engagiert genug nach einem neuen Job sucht, bekommt Geld gestrichen. Im öffentlichen Dienst will er den aufgeblähten Beamtenapparat abbauen. Die Reform der Staatsbahn SNCF schließlich soll das defizitäre Unternehmen fit machen für den internationalen Wettbewerb. 

Gewerkschaften setzten auf Zermürbung

Vor allem letztere weckt in Frankreich böse Erinnerungen an das Jahr 1995. Drei Wochen streikte der Schienenverkehr. Bis schließlich der damalige konservative Premierminister Alain Juppé die geplante Rentenreform zurückzog. Und auch heute noch können die französischen Bahner das Land lähmen, wenn sie wollen. Am vergangenen Donnerstag steckten die Pendler in Paris in 316 Kilometern Stau fest. In der Hauptstadt fuhren lediglich 30 Prozent der Züge – ein Testlauf zur Mobilisierungsfähigkeit. Das war wohl nur ein kleiner Vorgeschmack auf die nächsten drei Monate. Zwischen dem 3. April und dem 28. Juni wollen die Gewerkschafter landesweit im Wechsel jeweils zwei Tage streiken und drei Tage arbeiten und damit die Fahrgäste so mürbe machen, dass diese den Druck auf die Regierung erhöhen.

Eine solche Reaktion sei ausgeschlossen, gab Macron selbstbewusst aus Brüssel zurück, wo er beim EU-Gipfel weilte. Arbeitskämpfe seien "nicht dazu angetan, die Regierung zur Aufgabe dessen zu bewegen, was begonnen wurde". Der Staatschef werde alles tun, um nicht zurückzuweichen, ist Roland Cayrol überzeugt. Der stellvertretende Forschungsdirektor am Zentrum für politische Studien der Universität Sciences Po in Paris ist einer von zahlreichen Wissenschaftlern und Meinungsforschern, die die heraufziehende Machtprobe zwischen dem Reformpräsidenten und seinen Gegnern beobachten: "Wenn er jetzt das Gefühl aussendet, dass er auch nur einen Schritt zurück machen könnte, würde er die Reformen insgesamt aufs Spiel setzen."

Es geht um die Privilegien weniger

Tatsächlich hoffen beide Seiten derzeit darauf, den Kampf um die öffentliche Meinung zu gewinnen. Im Gegensatz zu 1995, als sich alle arbeitenden Franzosen von der geplanten Rentenreform betroffen fühlten, geht es diesmal lediglich um die Privilegien der Bahner. Die sind auf Lebenszeit angestellt und dürfen rund zehn Jahre früher in Rente gehen als die übrigen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes. Und die Regierung garantiert Bestandsschutz. Die Reform soll nur für Neueinstellungen gelten und helfen, den Schuldenberg von derzeit 45 Milliarden Euro bei der SNCF abzutragen. Eine vernünftige und maßvolle Reform, zumindest in den Augen vieler Bürgerinnen und Bürger.

"Die Franzosen tendieren eher zu dieser Reform. Sie sind der Meinung, dass es der SNCF nicht gut geht und dass der Sonderstatus ungerecht ist", sagt Brice Teinturier, Geschäftsführer des Pariser Meinungsforschungsinstituts Ipsos. Allerdings gibt er zu bedenken, dass der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle spielen könnte: "Die Franzosen können eine oder zwei Wochen der Lähmung wegstecken. Ab der dritten werden sie, auch wenn sie im Grunde gegen die Forderungen der Streikenden sind, von der Regierung Kompromisse fordern."