Heutzutage sind in Deutschland annähernd so viele Frauen wie Männer berufstätig – doch auf Frauen entfällt ein Drittel, auf Männer entfallen zwei Drittel des gesamten Einkommens im Land. Dieses Missverhältnis ist das Ergebnis einer manchmal gut gemeinten, aber zu häufig schlecht gemachten Politik. Eine Politik, die enorme Kosten nicht nur für Frauen, sondern für die gesamte Gesellschaft hat.

Es gibt viele Gründe für die signifikanten Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Arbeitsmarkt und bei den Einkommen. Die Beschäftigtenquote bei Frauen ist in Deutschland in den vergangenen 25 Jahren deutlich gestiegen – vor allem dank der Vorbildfunktion Ostdeutschlands – und liegt heute bei 70 Prozent. Frauen arbeiten jedoch sehr viel häufiger als in vergleichbaren Ländern in Teilzeit. Vor allem arbeiten sie sehr viel häufiger in atypischer Beschäftigung, also im Niedriglohnbereich und in prekären Beschäftigungsverhältnissen.

Viele Frauen möchten gerne mehr arbeiten, sind aber beispielsweise durch eine fehlende Infrastruktur für die Kinderbetreuung daran gehindert. Auch die Tatsache, dass ein Großteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit nach wie vor an den Frauen hängen bleibt – und Partner und Väter sich heute nur wenig mehr als vor 20 Jahren einbringen – trägt zu der Entscheidung für eine verkürzte Arbeitszeit bei.

Frauen verdienen im Durchschnitt 21 Prozent weniger pro Stunde als Männer, bei Frauen mit Kindern ist die Lohnlücke um einiges größer als bei kinderlosen Frauen, so eine Studie des DIW. Die Teilzeit, die ausgeübten Berufe und die geringere Führungsverantwortung von Frauen erklären einen Teil dieses Gender Pay Gap. Nichts davon wird aber frei von den Frauen bestimmt. Die Politik scheitert bei der Kinderbetreuungsinfrastruktur und den Arbeitgebern gelingt es nicht, Frauen und Männern die gleichen Chancen zu geben.

Ehegattensplitting führt zur Abhängigkeit

Die Löhne in typischen Frauenberufen sind geringer, zeigt eine andere DIW-Studie. Die Löhne entwickeln sich auch schlechter, wenn der Frauenanteil in bestimmten Berufsgruppen steigt. Und auch in typischen Frauenberufen, wie zum Beispiel bei Sprechstundenhilfen, haben Männer höhere Löhne als Frauen mit ähnlichen Aufgaben. Der Gender Pay Gap ist vor allem ein Phänomen der Privatwirtschaft und im öffentlichen Sektor sehr viel geringer.

Das Argument, Frauen wollten nur ungern Führungsverantwortung übernehmen und seien daher nur selten in Führungsposition zu finden, ist schlichtweg Unfug. Vor allem nordische Länder sollten Deutschland ein Beispiel sein, wie man mit einem Kulturwandel in der Gesellschaft, aber vor allem in der Wirtschaft, Frauen Karrierechancen eröffnet, wovon auch die Unternehmen profitieren können.

Besonders schädlich für Frauen ist das deutsche Steuersystem. Das Ehegattensplitting erlaubt es, verheirateten Paaren ihre Einkommen gemeinsam steuerlich zu veranlagen. Dies bedeutet, dass Paare mit einem ungleichen Einkommen steuerlich häufig signifikant entlastet werden. Diese Regelung kommt aus archaischen Zeiten, in denen sich die Politik Alleinerziehende oder Paare ohne Kinder nicht vorstellen konnte. Obwohl es gut gemeint war und Familien mit Kindern unterstützen wollte, ist dieses Regelwerk heute kontraproduktiv. 

Das Ehegattensplitting führt zur Abhängigkeit vieler Frauen von ihren Ehepartnern und vom Staat. Da Frauen häufig, vor allem durch Elternzeiten aber auch durch die oben genannten Diskriminierungen, weniger verdienen oder Auszeiten nehmen, bedeutet das Ehegattensplitting, dass sie bei gleichem Einkommen gesamtwirtschaftlich viel höhere Einkommensteuer zahlen als Männer.

Die Benachteiligung ist ein Grund für die hohe Kinderarmut

Diese Ungleichbehandlung führt dazu, dass sich Arbeit für viele Frauen nicht oder zumindest weniger lohnt. Die Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit von Frauen sind massiv. So zeigt eine wissenschaftliche Studie, dass das Ehegattensplitting (im Vergleich zu einer separaten Besteuerung von Männern und Frauen) die Arbeitszeit von Frauen im Durchschnitt pro Jahr um 280 Stunden reduziert. In keinem anderen Land, außer Belgien, hat das Steuersystem einen größeren negativen Effekt auf die Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt.

Das Ehegattensplitting reduziert die Freiheit und Autonomie von Frauen und schafft eine enorme Abhängigkeit vieler Frauen. In der Theorie, so argumentieren manche, werden Frauen finanziell ja nicht schlechter gestellt als Männer – dies gilt jedoch nur, wenn die Beziehung von Mann und Frau bis ans Lebensende hält. Rund 40 Prozent der Ehen werden aber in Deutschland geschieden, häufig mit katastrophalen Auswirkungen vor allem für die Frauen. Diese müssen dann sehr schnell in den Arbeitsmarkt kommen oder deutlich mehr arbeiten und verdienen.

Einer modernen Gesellschaft nicht würdig

Das Ehegattensplitting trägt somit dazu bei, dass Frauen heute in Deutschland deutlich häufiger in Armut leben als Männer. Sie leiden auch häufiger unter Depressionen als Männer. Und erhalten heute nur knapp 47 Prozent der Rente der Männer, in Dänemark beträgt diese Zahl 76 Prozent.

Die große Differenz bei Einkommen, Löhnen, Arbeitsstunden und Besteuerung für Frauen ist auch eine der Erklärungen für die im internationalen Vergleich hohe Kinderarmut in Deutschland. Denn von Armut bedrohte Kinder leben in Deutschland häufig bei alleinerziehenden Müttern, die in der Vergangenheit längere Auszeiten vom Berufsleben hatten, wenig verdienen oder wegen einer mangelnden Betreuungsinfrastruktur nur Teilzeit arbeiten können.

Die Schlechterstellung von Frauen in so vielen Bereichen ist einer modernen Gesellschaft nicht würdig. Viele wichtige Schritte, vom Kitaausbau bis hin zur Einführung des Elterngeldes, sind in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht worden. Aber es ist noch viel zu tun.