ZEIT ONLINE: Geht das mit 416 Euro im Monat?

Liebig: Es ist nicht leicht, keine Frage. Deshalb gibt es ja die Forderung, den Satz um 80 Euro zu erhöhen. Sinnvoller aber wäre es, die Mehrwertsteuer auf grundlegende Dinge des Lebens zu senken oder sogar abzuschaffen – etwa auf Lebensmittel. Das würde ärmere Personen besonders stark entlasten, da sie ihr verfügbares Einkommen komplett für Dinge des alltäglichen Lebens ausgeben.

 ZEIT ONLINE: Wenn man Ihnen zuhört, könnte man glauben, das Problem ist viel kleiner, als der öffentliche Diskurs suggeriert.

Liebig: Ich will die sozialen Probleme in Deutschland nicht kleinreden. Fakt ist: Wir haben am unteren Rand der Gesellschaft ein Problem, das wir zu lange falsch adressiert haben. Dort verfestigt sich Armut über Generationen. Wer einmal unten festhängt, hat große Schwierigkeiten, wieder aufzusteigen.

ZEIT ONLINE: Stattdessen reden wir oft über sozialpolitische Maßnahmen für die Mittelschicht, etwa das neue Baukindergeld.

Liebig: Ja, die Sozialdebatte dreht sich viel zu sehr ums Geld. Wir müssen auch darüber diskutieren, wie wir mit diesen Menschen umgehen. Hartz-IV-Empfänger müssen immer wieder aufs Neue detailliert ihre Bedürftigkeit nachweisen. Sie müssen quasi immer wieder die Hosen runterlassen. Damit geht eine Stigmatisierung einher, die sich auch in dem öffentlichen Diskurs spiegelt, den wir führen. Nehmen Sie die jüngsten Äußerungen der Bundesregierung: Sie will sich nach eigenen Angaben stärker um die sogenannten kleinen Leute kümmern. Das allein ist schon entwürdigend. Hartz IV-Empfänger brauchen mehr Respekt.

ZEIT ONLINE: Wir fordern zu viel und fördern zu wenig?

Liebig: Ja, schließlich ist Arbeitslosigkeit in Deutschland kein wirkliches Problem mehr. Die meisten Hartz IV-Empfänger sind Langzeitarbeitslose. Diesen Teil der Bevölkerung, der auf Dauer auf staatliche Transferleistungen angewiesen ist, müssen wir ausreichend unterstützen, ohne dass wir uns um jeden Euro Gedanken machen sollten.

Es macht für Menschen einen großen Unterschied, ob sie ihr Geld vom Amt bekommen oder von einem Arbeitgeber.
Stefan Liebig

ZEIT ONLINE: Wenn wir nicht kapitulieren wollen: Wie können wir diesen Menschen helfen?

Liebig: Wir werden es kaum schaffen, alle Langzeitarbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger fit für den ersten Arbeitsmarkt zu machen. Noch mehr Aus- und Fortbildungen helfen diesen Menschen kurzfristig gar nicht. Deshalb wäre ein staatlich geförderter Arbeitsmarkt sinnvoll. Viele Studien belegen: Es macht für Menschen einen großen Unterschied, ob sie ihr Geld vom Amt bekommen oder von einem Arbeitgeber. Je höher das Transfereinkommen ist, desto ungerechter empfindet man die eigene Situation. Hätten sie einen öffentlich geförderten Job, müssten sie nicht immer wieder aufs Neue ihre Bedürftigkeit nachweisen.