Umgeben von dankbaren Stahlarbeitern kündigte Präsident Trump am Donnerstag Importzölle auf die Importe von Stahl und Aluminium an. Kaum eine seiner Entscheidungen war unter seinen engsten Beratern derart umstritten, nicht zu reden von der EU und praktisch dem Rest der Welt. Doch es wäre verkehrt, Trumps Aktion reflexartig als "verrückt" und "dumm" abzutun, wie seine Kritiker meinen. Der Präsident stellt das herrschende Handelsregime infrage. Und das ist durchaus berechtigt.

Vorangegangen war ein monatelanger erbitterter Streit im Weißen Haus. Trumps oberster Wirtschaftsberater Gary Cohn, zuvor die Nummer zwei bei der Investmentbank Goldman Sachs und der Mann, der Trump mit der Steuerreform seinen bisher größten politischen Triumph bescherte, trat wegen der Zölle sogar zurück. Bis zuletzt hatten Trumps offizielle Parteifreunde geglaubt, der Präsident ließe sich umstimmen und wie bei Immigration und Waffengesetzen mehr oder minder wieder auf Parteilinie bringen. Mit ihrer Opposition gegen die Zölle waren sie ausnahmsweise einer Meinung mit dem Nobelpreisträger Paul Krugman, der in der New York Times vor einem "zerstörerischen Handelskrieg" warnte.

In der Tat sei es das "Trumpigste", das Trump bisher gebracht habe, so der Ökonom. Überhaupt gab es bis auf Trumps Berater Peter Navarro kaum einen Volkswirt, der nicht vor dem Schritt gewarnt hätte. Wirtschaftsvertreter konnten sich nicht vorstellen, dass sich Trump trauen würde, angesichts der Kritik von allen Seiten sein Vorhaben umzusetzen. "Viel Geschrei, aber am Ende macht er nichts", gab sich noch in der vergangenen Woche der Topmanager einer großen Bank an der Wall Street im Hintergrundgespräch gelassen.

Dabei sind sich auch Trumps Kritiker einig: Vor allem die Stahlbranche leidet seit Langem unter den international ausgetragenen Preiskämpfen. Oder wie man es auch formulieren könnte: Der Handelskrieg hat schon vor Jahren begonnen, Trump geht nur in die nächste Runde. Der Grund ist die Überproduktion in China. Immer wieder hat die Regierung dort versprochen, Kapazitäten abzubauen. Stattdessen hat sich das Produktionsvolumen allein seit 2003 vervierfacht.

Inzwischen liefern chinesische Stahlwerke heute die Hälfte der weltweiten Stahlproduktion. Für die Regierung in Peking war der Ausbau ein bewährtes Mittel, um Wachstum – und damit sozialen Frieden und die eigene Macht – aufrechtzuerhalten. Schon Trumps Vorgänger George W. Bush und Barack Obama versuchten, die Chinesen durch verschiedene – von der Welthandelsorganisation WTO erlaubte – Handelsbarrieren zum Umdenken zu zwingen. In der Folge exportiert China heute tatsächlich vergleichsweise wenig Stahl und Aluminium in die USA.

Nur sechs Prozent des Importstahls stammen von dort und lediglich elf Prozent des importierten Aluminiums. Doch damit hat sich das Problem nur verlagert. Die Chinesen exportierten um so mehr ihrer Produktion in andere Länder – zu Preisen, mit denen die heimischen Hersteller nicht mithalten konnten.

Trump wendet Zölle gezielt an

Diese wiederum begannen ihre Exporte in die USA zu erhöhen. So kamen letztlich auch die US-Produzenten durch die chinesische Überproduktion unter Druck. Eine gemeinsame Linie der westlichen Industrienationen gegenüber China kam dennoch nicht zustande. Jetzt versucht es Trump im Alleingang.

So "dumm", wie Kritiker immer wieder klagen, sind Trumps Zölle nicht. Ökonomen warnen zwar, dass durch die Zölle nun die Abnehmer von Stahl und Aluminium höhere Kosten haben und dadurch die Preise etwa für Autos und Bierdosen steigen würden. Trump ziele auf die Chinesen, treffe aber die eigenen Konsumenten. Doch Trump hat Kanada und Mexiko vorerst von den Importzöllen ausgenommen. Kanada ist der mit Abstand größte Lieferant von Stahl und Aluminium. Die EU ist der zweitgrößte Stahllieferant, Russland die Nummer zwei bei Aluminiumimporten.