Wir wissen viel zu wenig über China – deshalb befasst sich ZEIT ONLINE in einem Schwerpunkt mit dem Land. Zuletzt beschrieb unser Autor Finn Mayer-Kuckuk wie in China mit Geoengineering in die Umwelt eingegriffen wird.  

Ein Kasino in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh, Türsteher in Anzügen, drinnen ein langer, endloser Gang mit Marmorsäulen, Kronleuchtern, meterhohen Decken und ratternden Glücksspielautomaten an beiden Seiten. Es wird Chinesisch gesprochen. Wer den Gängen von Nagaworld weiter folgt, kommt in Räume voller Kartenspieltische. Auch hier ist überall Chinesisch zu hören. In diesem Kasino haben im Jahr 2017 allein die High-Limit-Spieler 21 Milliarden US Dollar verspielt. Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt Kambodschas. Und die meisten Spieler sind neureiche Chinesen.

Es sind die Gewinner des chinesischen Wirtschaftswachstums, die entweder in Kambodscha investieren oder für einen Glücksspielurlaub vorbeikommen. Sie fliegen mit chinesischen Airlines, sie übernachten in von Chinesen betriebenen Hotels, die chinesischsprachige Angestellte beschäftigen. 

In Kambodscha, dem kleinen südostasiatischen Land, das weniger Einwohner hat als Nordrhein-Westfalen, lässt sich exemplarisch beobachten, was die Regionalmacht China bewirkt, wenn all ihre finanziellen und politischen Avancen dankend angenommen werden. Denn das ist in Kambodscha seit wenigen Jahren der Fall.

In Phnom Penh hängen Schilder mit den Namen chinesischer Baufirmen an Bauzäunen von Brücken, Straßen und Hochhäusern. An einer Kreuzung wünscht eine große Werbetafel Vorbeifahrenden in Mandarin ein frohes chinesisches Neues Jahr. Der chinesische Einfluss ist unübersehbar.

Chinesische Investments sind ein wichtiger Faktor im Wachstum der kambodschanischen Wirtschaft: Bereits 2015 investierten chinesische Unternehmen mehr in Kambodscha als Firmen aus allen anderen Ländern zusammen. Als Chinas Premier Li Keqiang dann im Januar 2018 Kambodscha besuchte, unterzeichneten die beiden Länder 17 neue Kooperationsabkommen. Übrigens ist keins davon ist öffentlich einsehbar.

Die Modernisierung von Kambodschas Infrastruktur ist größtenteils Made in China: Schätzungen zufolge wurde ein Drittel aller Straßen von chinesischen Firmen gebaut. Das hat in dem Land, das kein verlässliches Schienennetz hat, die Reise- und Transportzeiten deutlich verkürzt.

Kambodscha hat ein Korruptionsproblem

Doch die chinesische Präsenz hat Schattenseiten. Kambodscha ist eines der korruptesten Länder der Welt, auf dem Index von Transparency International steht es auf Platz 161 von 180 Staaten. Ein ewiges Streitthema in Kambodscha sind die Landrechte. Besonders arme Kambodschaner haben nur selten offizielle Dokumente, mit denen sie nachweisen könnten, dass ihnen der Boden gehört, auf dem sie leben. Viele wohnen zudem auf staatlichem Land, das die Regierung in Form von Konzessionen verkaufen kann. Gibt es bei den Verkäufen Konflikte, bekommt im Zweifel die Seite Recht, die mehr Geld an das Justizsystem oder an Lokalpolitiker zahlen kann.

Immer öfter ist das eine chinesische Firma. Kambodschaner haben kaum Möglichkeiten, sich gegen solche Übernahmen zu wehren. Einer Karte der kambodschanischen Menschenrechtsorganisation Licadho zufolge besaßen chinesische Unternehmen 2016 fast 400.000 Hektar Land, darunter ein großer Teil von Kambodschas Küste.

Wer profitiert von den chinesischen Investitionen?

Ob die lokale Wirtschaft wirklich von den chinesischen Investitionen profitiert, ist oft fragwürdig. So bauen chinesische Firmen beispielsweise Dämme, die Wasserkraft generieren sollen, betreiben diese dann aber auf eigene Rechnung.

"Die einzigen Jobs, die geschaffen werden, sind kurzfristige Positionen auf dem Bau für Arbeiterinnen und Arbeiter ohne besondere Fähigkeiten", sagt zum Beispiel Giuseppina Siciliano, Doktorandin an der School of Oriental and African Studies in London, die mehrere große chinesische Dammprojekte in Kambodscha untersucht. Für die Planung und den Betrieb der Dämme, also in sicheren Positionen mit gutem Einkommen, würden ausschließlich Chinesen angestellt.

In manchen Fällen können Anwohner nicht einmal von der neuen Energiequelle profitieren, weil sie sich die Strompreise der chinesischen Firmen nicht leisten können. Gleichzeitig sind es genau diese Anwohner, die darunter leiden, wenn durch die Öffnung der Dämme plötzlich ganze Regionen geflutet werden. "Die einzigen, die profitieren, sind die chinesischen Firmen und korrupte Lokalpolitiker", sagt Siciliano.