Martin Shkreli rüttelte die US-amerikanische Öffentlichkeit vor drei Jahren auf. Der Hedgefondsmanager aus Brooklyn hatte die Vermarktungsrechte an dem Arzneistoff Pyrimethamin gekauft, einem Mittel, das unter anderem Infektionen bei HIV/Aids bekämpfen soll. Außer Shkrelis Firma Turing hatte niemand das Medikament im Sortiment, und der 31-Jährige nutzte seine Monopolstellung aus: Über Nacht erhöhte er den Preis für das Medikament von 13,50 Dollar pro Pille auf 750 Dollar. Der auch als "Pharma Bro" bekannte Manager wurde im Internet nahezu genauso schnell zum "meistgehassten Mann Amerikas".

Drei Jahre später sitzt Shkreli wegen anderer Vergehen im Gefängnis, aber das Problem bleibt ungelöst. Neben Daraprim – so der Markenname – gibt es zahlreiche andere Mittel, deren Preise sich in den vergangenen Jahren innerhalb kürzester Zeit vervielfacht haben. In vielen Fällen handelt es sich um Markenprodukte, deren Patent zwar ausgelaufen ist, für die es aber keine Konkurrenz gibt. Längst gibt es Engpässe und Preissteigerungen immer wieder auch da, wo es eigentlich schon Generika gibt. "Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass es um Leben und Tod geht", sagt Marc Harrison, Chef der Krankenhauskette Intermountain Healthcare in Salt Lake City.

Krankenhäuser können die Kosten in vielen Fällen nicht stemmen und geben die Preissteigerungen deshalb an die Patienten weiter, die dann mit hohen Rechnungen alleingelassen werden. In anderen Fällen ziehen sich Hersteller unter wirtschaftlichem Druck kurzfristig vom Markt zurück und sorgen so für Engpässe bei wichtigen Medikamenten wie Morphium, auf die Ärzte bei der Versorgung ihrer Patienten täglich angewiesen sind. Überall finde man heute in den Krankenhäusern Mitarbeiter, die nur damit beschäftigt seien, "die Mittel irgendwie aufzutreiben", sagt Harrison.

Harrison will das ändern. Sein Unternehmen hat sich mit weiteren der größten Krankenhausbetreiber im Land zusammengetan, um gegen die Preissteigerungen und Engpässe vorzugehen. Mit einer eigenen Non-Profit-Organisation will die Gruppe – zum Start sind mehr als 300 Krankenhäuser dabei – selbst zum Hersteller werden und so die wichtigsten Lücken schließen. Zunächst setzt die Gruppe dabei auf Drittanbieter, aber eine eigene Produktionsstätte schließt Harrison nicht aus. Die Mitglieder verpflichten sich, über einen längeren Zeitraum eine Mindestmenge an Medikamenten abzunehmen, um das Non-Profit-Projekt tragfähig zu machen. "Unser Ziel ist es, Generika wieder für jeden erschwinglich und verfügbar zu machen", sagt Harrison.

Bis in die Achtzigerjahre sei es für die Hersteller wirtschaftlich kaum machbar gewesen, Medikamente, deren Patente ausgelaufen waren, auf effizientem Weg als Generika auf den Markt zu bringen, erklärt Kevin Schulman von der Duke University School of Medicine, der den Generikamarkt seit Jahren beobachtet und auch das Projekt der Krankenhäuser berät. Dann sorgte eine Gesetzesänderung für einen regelrechten Boom. Der Hatch-Waxman Act von 1984 schuf neue Anreize für Unternehmen, eigene Nachahmermedikamente zu entwickeln. Herzstück war eine Regelung, die dem ersten Hersteller eines Generikums 180 Tage einräumte, bevor weitere Unternehmen auf den Markt kommen konnten. Das gab den Firmen Gelegenheit, sich zu etablieren, bevor die Konkurrenz zu groß wurde. Der Markt blühte. "Wer den Originalhersteller auch nur leicht unterbot, konnte einen enormen Umsatz machen", sagt Schulman. Heute, gut 30 Jahre später, machen Generika rund 90 Prozent des US-Medikamentenmarktes aus.

Krasser Preiskampf

Doch in den vergangenen Jahren hat ein krasser Preiskampf das System an den Rand der Belastbarkeit geführt. "Der Markt ist so umkämpft, dass niemand mehr etwas verdienen kann", sagt Schulman. So viele Produzenten seien auf den Markt gedrängt und hätten um Anteile mit denselben Medikamenten gekämpft, dass viele bald nicht mehr hätten bestehen können. Der Preis zahlreicher Mittel fiel in dem Wettrüsten immer weiter, bis es für die Hersteller nicht mehr möglich war, gewinnbringend zu produzieren. Der Zeitraum, in dem das Geschäft mit einem Mittel noch profitabel sei, werde immer kürzer, so der Experte. Nach und nach zogen sich deshalb viele Anbieter zurück.

Die Kosten seien auch für die Hersteller von Nachahmerprodukten hoch, selbst wenn diese nicht in die Forschung investieren müssten, erklärt Christine Simmon von der Association for Accessible Medicines, dem Dachverband der Generikahersteller. Die Firmen müssten viel Geld in Produktion und Zulassung stecken, zudem könnten dieselben Maschinen nicht einfach für ein anderes Mittel verwendet werden, falls sich das Umfeld ändere. Deshalb müssten sich die Hersteller sehr genau überlegen, welche Medikamente sie herstellen. Bei vielen Mitteln sei die Zahl der Patienten schlicht zu klein, um die hohen Investitionen zu rechtfertigen. "Die Margen sind extrem niedrig", sagt Simmon.