In der Einfahrt von Switlodarsk steht eine Statue. Prometheus, der Feuerbringer, reckt die Hände zum Himmel. Die Sowjets bauten die Stadt im Donbass als Siedlung rund um ein Wärmekraftwerk. Switlodarsk ist ukrainisch und bedeutet die Gabe des Lichts.

Für Tamara Warakina ist es aber bereits der zweite Winter, den sie im Dunkeln und in der Kälte verbringt. Der Wind pfeift durch die notdürftig geklebten Fenster, die bei Kämpfen zwischen der ukrainischen Armee und den prorussischen Separatisten zerstört wurden. Manche Fenster sind nur mit Karton abgedeckt, draußen hat es minus neun Grad. "Ich habe kein Geld, um mir neue Fenster zu kaufen", sagt sie. Wenn in der Nacht wieder geschossen wird, dann kauert sie sich ins Treppenhaus des neunstöckigen Plattenbaus, wo gar keine Fenster mehr sind, die bersten könnten. Dort wartet sie so lange, bis die Kämpfe vorbei sind. 

Bis vor Kurzem war Switlodarsk verlassen. Die ukrainische Armee und prorussische Separatisten kämpften erbittert um den Landstrich. Ein Stadtname, der immer in den OSZE-Berichten als Brennpunkt an der Front auftauchte. Doch inzwischen wird die Gegend wieder von der ukrainischen Armee kontrolliert. 12.000 Menschen kehrten zurück und leben wieder in der Stadt. Fast so viele, wie vor dem Krieg, sagt der Bürgermeister Anatolij Brechunez.

"Unter den Bedürftigen die Bedürftigsten auswählen"

Es sind vor allem die alten und armen Menschen, die in ihre Wohnungen entlang der Frontlinie zurückgekehrt sind, weil sie kein Geld und keine Kraft mehr haben, sich woanders eine neue Existenz aufzubauen. So wie Warakina. Mit einer kargen Pension von 2.100 Hrywnja (umgerechnet rund 60 Euro) kommt die 76-Jährige nur noch mit Hilfslieferungen über die Runden. Weil das Brot im Laden zu teuer ist, backt sie selbst. Fleisch kann sie sich schon seit Jahren nicht mehr leisten.

Menschen wie Tamara Warakina können sich die Lebensmittel im Supermarkt nicht mehr leisten. © Simone Brunner für ZEIT ONLINE

Viele Menschen wie sie in der sogenannten grauen Zone, dem 500 Kilometer langen Fronstreifen in der Ostukraine, sind auf Hilfslieferungen angewiesen. Seit dem Ausbruch des Krieges vor vier Jahren, in dem laut UN-Angaben bisher 10.300 Menschen getötet sind, sind viele internationale Hilfsorganisationen in die Ukraine gekommen, um die Versorgungslücken zu füllen. Doch je länger der Konflikt dauert und je deutlicher der Krieg aus der internationalen Aufmerksamkeit verschwindet, desto mehr drosseln sie ihr Engagement.

In Kramatorsk, 80 Kilometer weiter im ukrainisch kontrollierten Landesinneren, sitzt Olena Moniuk an ihrem Schreibtisch. An diesem trüben Wintertag ist es ungewöhnlich still im sogenannten UN-Haus, in dem sonst die Mitarbeiter von internationalen Organisationen ein- und ausgehen. Waren zeitweise allein für das World Food Programme (WFP) knapp 60 Mitarbeiter in der Ostukraine eingesetzt, ist das Team heute nur noch zu dritt. "Wir sind gerade in der Auslaufphase", erklärt sie. Phase-out, so heißt das im Hilfsorganisationsjargon. Das Büro soll bis April geräumt werden. Seine Hilfe, wie die Ausgabe von Lebensmittelgutscheinen, hat das WFP schon Ende Februar beendet.

Moniuk zählt mehrere Gründe auf, aus denen die UN-Hungerhilfe ihre Aktivitäten in der Ostukraine einstellt. Einerseits liege es am immer restriktiveren Zugang zu den Separatistengebieten. Prorussische Kämpfer verwehrten den internationalen Organisationen immer wieder die Überfahrt. Ein weiterer Grund ist das strenge Mandat der UN-Welthungerhilfe, das eigentlich nur für absolute Katastrophenfälle, wie derzeit in Syrien oder im Jemen, vorgesehen ist. Und nicht zuletzt liegt es am mangelnden Geld. "Wir müssen nun mal unter den Bedürftigen die Bedürftigsten auswählen", sagt sie.