Plastikmüll ist ein Riesenthema: Der Müllstrudel im Pazifik ist viel größer als gedacht, die EU-Kommission will Plastik besser recycelbar machen, Supermärkte verbannen Plastikverpackungen aus den Regalen. Ist das sinnvoll? Wir haben Michael Braungart gefragt, der seit vielen Jahren zu Stoffströmen und Ökodesign forscht.

ZEIT ONLINE: Aldi will aus Graspapier und Zuckerrohr Schalen für Biotomaten herstellen, Rewe testet eine Laserkennzeichnung an Bioavocados und Süßkartoffeln, um Plastik zu vermeiden. Was bringen solche Aktionen?

Michael Braungart: Viele der Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden, bringen gar nichts. Sie sind aus Hilflosigkeit geboren. Das beruhigt vielleicht die Konsumenten, aber mehr auch nicht. Immerhin beginnen Handelskonzerne wie Lidl, Netto und Edeka jetzt, ihren Müll vernünftig zu bilanzieren, und sie wollen von Forschern wissen, wie sie besser mit den Abfällen umgehen könnten.

ZEIT ONLINE: Wenn die Supermärkte erst jetzt umdenken, was ist dann bisher passiert?

Braungart: In der Recyclingbranche ist in den vergangenen dreißig Jahren gar nichts passiert. Wir waren 1990 weiter als jetzt; die Umweltdiskussionen wurden damals einfach viel grundsätzlicher geführt. Man führte den grünen Punkt ein, um Verpackungen zu recyceln, und man wollte Giftiges aus dem Verkehr ziehen – und seither ist nichts weiter geschehen. Kein einziger giftiger Klebstoff und kein giftiges Material sind in den vergangenen Jahrzehnten vom Markt verschwunden. Und wir haben pro Kopf noch nie so viel Verpackung erzeugt wie jetzt: über 150 Kilo pro Jahr.

ZEIT ONLINE: Von welchen giftigen Materialien sprechen Sie?

Braungart: Man wusste beispielsweise schon damals, dass PVC ein Problem ist. Viele Kommunen haben es verboten, Ikea nahm es aus dem Sortiment. Heute kommt PVC überall wieder zurück. Wir haben es selbst in PET-Flaschen gefunden. Auch zu den Weichmachern, die unfruchtbar machen, haben wir bereits in den Achtzigern einen Bericht vorgelegt. Aber erst vor wenigen Jahren wurden sie verboten.

ZEIT ONLINE: Was ist der Grund dafür, dass sich so wenig tut, und es – wie beim PVC – sogar Rückschritte gibt?

Braungart: Man hat das Plastik- und Giftproblem bisher immer als ein Thema der Moral behandelt. Dabei ist es eine Frage der Innovation: Es geht darum, bessere Materialien zu entwickeln. Aber durch die Wiedervereinigung war die deutsche Politik erst einmal mit anderen Dingen beschäftigt, 25 Jahre lang. Jetzt kommt man wieder auf das Plastikthema zurück, und Plastik wird dämonisiert. Es wird gesagt, wir sollen kein Plastik mehr verwenden. Sinnvoll ist das nicht.

Wir hängen uns am Plastik auf, damit wir uns das gesamte Müllproblem nicht angucken müssen.

ZEIT ONLINE: Warum soll das nicht sinnvoll sein? Plastikmüll im Meer ist ein Riesenproblem.

Braungart: Wir hängen uns am Plastik auf, damit wir uns das gesamte Müllproblem nicht angucken müssen. Ein großer Teil des Mülls im Meer kommt zum Beispiel von Reifenabrieb. Das ist gar nicht alles Plastik.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit "gesamtes Müllproblem"?

Braungart: Die entscheidende Frage ist doch, welche Materialien wir verwenden. Viele Verpackungen enthalten beispielsweise giftige Pigmente – und davon oft mehr als früher. Ein einziger Joghurtbecher beispielsweise kann bis zu 600 Chemikalien enthalten, weil er möglichst leicht und billig sein soll: UV-Stabilisatoren, Antioxidantien, Hitze-Kälte-Stabilisatoren, Füllstoffe.

Oder nehmen Sie Glas: Es enthält Blei, in einer Tonne Altglas stecken davon bis zu 200 Gramm. Oder Papier: Praktisch kein Papier auf dem Markt ist derzeit kompostierbar. Vor dreißig Jahren enthielt ein Ikea-Katalog etwa 90 giftige Stoffe, die eine Kompostierung ausschlossen. Heute sind es immer noch 50 Giftstoffe. Das heißt, die Arbeitsbedingungen in der Produktion sind besser geworden, aber für die Umwelt haben wir praktisch nichts erreicht. Wir müssen Verpackungen ganz neu denken.

ZEIT ONLINE: Wie könnte das aussehen?

Braungart: Mittlerweile können wir Druckerzeugnisse herstellen, die zu hundert Prozent kompostierbar sind. Aber viele Kataloge und Zeitschriften – auch Prospekte im Supermarkt – werden in Asien gedruckt und hierher eingeflogen. Sie enthalten ebenso viele Giftstoffe wie das Papier, das vor dreißig Jahren bei uns hergestellt und bedruckt wurde. Wir recyceln sie mit der modernsten Technik, aber das bringt gar nichts. Und manche Papiere so stark mit Kunststoff beschichtet, dass man sie weder recyceln noch kompostieren kann. Das ist purer Sondermüll.

"Es gibt gute Alternativen zu Plastik"

ZEIT ONLINE: Man müsste also das giftige Papier durch kompostierbares ersetzen. Was müsste sich am Plastik ändern?

Braungart: Es müsste reiner werden. Das größte Problem ist die Vermischung unterschiedlicher Materialien: Dosen aus Metall sind plastikbeschichtet, Papiertaschentücher verrotten jahrelang nicht, weil sie einen Kunststoff als Bindemittel enthalten. PVC macht immer noch zwei Prozent des Plastiks von Verpackungen aus. Weil es genau die gleiche Dichte wie PET hat, lassen sich beide Materialien nicht so gut trennen. Sie werden zusammen verschmolzen.

Für eine bessere Wiederverwertung müsste man das PVC aus dem Plastik herausbekommen; zum Beispiel indem man alle Verpackungen aus PET herstellt. Dann hätte man ein Monomaterial und könnte es wiederverwenden. Recycling würde sich lohnen, das Ergebnis wäre nicht mehr minderwertig, sondern könnte sogar höherwertiger sein als das Ausgangsprodukt. Man könnte zum Beispiel aus alten Kunststoff-Getränkeverpackungen oder aus Schokoladenpapier Autoteile herstellen.

Die Verpackung macht den Inhalt aus. Sie ist ein Kulturgut.

ZEIT ONLINE: Verpackungen sparen müssten wir dann aber immer noch.

Braungart: Verpackungen sind elementar wichtig, um Sicherheit und gesunde Lebensmittel zu garantieren. Die Nahrungsmittel werden weniger stark beschädigt, und tragen weniger Krankheitserreger in sich. Schimmel beispielsweise ist krebserregend. Ihn zu vermeiden, rettet Menschenleben.

Die Verpackung macht den Inhalt doch aus, wie bei Kleidern und Leuten. Sie ist ein Kulturgut. Ich war 1984 in der Sowjetunion. Dort ist ein großer Teil der Lebensmittel verloren gegangen, weil sie nicht verpackt waren und damit nicht transportiert werden konnten. Ich finde, wir müssten Verpackungen viel mehr feiern.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie dann von verpackungsfreien Supermärkten?

Braungart: Für mich sind das Alibi-Aktionen. Die Qualität unverpackter Lebensmittel ist bei den meisten Bereichen drastisch geringer. Ich meine damit nicht, dass man Gurken zusätzlich in Kunststoff einschweißen oder Orangen mit Plastik beschichten muss. Das ist natürlich Blödsinn und sollte abgeschafft werden. Gurken und Orangen haben schon eine natürliche Verpackung.

Oft sind die Papiertüten nichts anderes als eine Plastiktüte mit Papierkern.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den Papiertüten, die seit Kurzem die Plastiktüten an der Kasse ersetzen? Sind wenigstens die ein Fortschritt?

Braungart: Diese Papiertüten müssen Nässe aushalten. Deshalb enthalten sie meist Stabilisatoren – und die führen dazu, dass sie im Meer sechs Monate lang stabil bleiben. Oft sind die Papiertüten nichts anderes als eine Plastiktüte mit Papierkern, nicht viel besser als Tetrapacks. Für Schildkröten oder andere Meerestiere können sie genauso tödlich sein.

ZEIT ONLINE: Wie kann man verhindern, dass so viel Plastik im Ozean landet?

Braungart: Im Moment wird nur versucht, das Bestehende in kleinen Schritten zu optimieren. Aber keiner denkt mehr über große Veränderungen nach. Ich finde, wir sollten das Pfandsystem ausweiten. Jede Plastikverpackung hätte ein Pfand, Supermärkte müssten sie zurücknehmen. Sammelautomaten könnten leicht entsprechend umgebaut werden.

ZEIT ONLINE: Die Supermarktkette Ekoplaza in den Niederlanden verwendet Ersatzmaterialien statt Plastik für Verpackungen. Wie umweltfreundlich sind die denn?

Braungart: Es gibt gute Alternativen zu Plastik. Ecoflex zum Beispiel, ein biologisch komplett abbaubarer Kunststoff. Auch Nylon ist gut geeignet, weil man es unendlich oft wiederverwerten kann und es keine Gerüche annimmt, anders als Plastik. Zwar ist Nylon auch 80 Prozent teurer, aber es kann länger genutzt werden, und man könnte es upcyceln, zum Beispiel zu Teppichböden.

Auch PET ist ein wunderbarer Kunststoff, der nichts Giftiges an die Lebensmittel abgibt. Er verschleißt zwar – man kann ihn etwa sieben Mal einsetzen. Aber er ließe sich erneuerbar auf Flächen herstellen, die nicht mit der Nahrungsmittelherstellung konkurrieren. Man könnte PET biologisch abbaubar machen, wenn man die Zusammensetzung etwas ändert. Es könnte als Pflanzfolie in der Landwirtschaft recycelt werden. Wenn es ins Meer gelangt, würde es sich abbauen.

ZEIT ONLINE: Warum werden Ecoflex, Nylon und reines PET dann nicht häufiger verwendet?

Braungart: Es fehlt an politischem Willen – und am Nachwuchs in der Forschung, um diese Stoffe weiterzuentwickeln. Kunststoffchemiker zu werden, ist nicht cool.