Der Verkauf von Rüstungsgütern bleibt ein einträgliches Geschäft. Laut dem schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri wurden von 2013 bis 2017 zehn Prozent mehr Waffen exportiert als im Fünfjahreszeitraum davor. Größter Lieferant sind die USA, am meisten importiert wurde von Indien. Fragen an den Rüstungsexperten Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

ZEIT ONLINE: Herr Mölling, die internationale Gemeinschaft setzt sich gegen Krieg und Aufrüstung ein – und doch werden seit Jahren wieder mehr Waffen exportiert. Wie passt das zusammen?

Christian Mölling: Zwischen Waffenexport und kriegerischen Handlungen besteht kein unmittelbarer Zusammenhang. Auch in Europa gibt es viele Waffen – und doch führen die Staaten untereinander keinen Krieg. Aus den Zahlen lässt sich daher nicht ableiten, dass die Welt kriegerischer geworden ist.

ZEIT ONLINE: Kein Grund zur Besorgnis also?

Mölling: Ich würde nicht sagen, dass man mehr Waffen exportieren sollte. Doch aus mehr Exporten folgen nicht automatisch mehr Kriege.

ZEIT ONLINE: Ist der Export von Waffen nicht trotzdem moralisch falsch?

Mölling: Mit Waffen wird auch Frieden gesichert und sogar geschaffen. Das tun die UN beispielsweise in Mali. Bei solchen Missionen geht es darum, das Gewaltmonopol des Staates wiederherzustellen. Dazu gehört, dass Polizei und Armee bewaffnet werden müssen. Diese Waffen muss jemand liefern – im Zweifel kommen sie aus China oder Russland.

ZEIT ONLINE: Neben diesen beiden Staaten zählt Sipri auch die USA, Frankreich und Deutschland zu den fünf weltweit größten Waffenexporteuren. Konterkariert das nicht die moralische Position des Westens?

Mölling: Entscheidend ist, an wen die Waffen geliefert werden. Und unter welchen Bedingungen der Exporteur bereit ist, die Systeme zurückzuholen oder stillzulegen. Exportiert werden vor allem Großwaffensysteme. Die kann der Lieferant im Zweifel zügig stilllegen, etwa indem er Ersatzteile nicht mehr liefert.

ZEIT ONLINE: Geht es bei solchen Geschäften nur ums Geld?

Mölling: Es geht auch um politischen Einfluss. Ein Waffengeschäft läuft oft über 20, 30 Jahre. Der Importeur legt sich auf jemanden fest, der ihm über lange Zeit Ersatzteile liefern soll. Zugleich kann der Lieferant verlangen, dass die Waffen nicht gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werden. Der Export ist zudem an die Zustimmung des jeweils ausführenden Staates gebunden. Natürlich kann man die reine Ethik des Friedens vertreten und sagen: Wir liefern nicht mehr. Aber andere Staaten werden weiter liefern.

ZEIT ONLINE: Wäre es nicht trotzdem besser, wenn der Westen komplett auf Waffenexporte verzichten würde?

Mölling: Weniger Waffen, dann gibt es Frieden: So einfach ist es nicht. In Ruanda kam es zum Völkermord mit Macheten. Über Waffenlieferungen muss immer im Einzelfall entschieden werden. Bisher sprach zum Beispiel nichts dagegen, Waffen an die Türkei zu liefern. Das Land gehört zur Nato. Wenn Regierungen die Waffen aber für Angriffskriege oder gegen die eigene Bevölkerung einsetzen, dann darf man ihnen nichts mehr liefern.

ZEIT ONLINE: Bei der Aufrüstung der kurdischen Kämpfer, die im Nordirak gegen den "Islamischen Staat" vorgingen, konnte es vielen gar nicht schnell genug gehen.

Mölling: In diesem Fall hat Deutschland Waffen direkt in ein Krisengebiet geliefert. Schon damals war absehbar, dass diese Waffen irgendwann für etwas eingesetzt werden, für das sie nicht vorgesehen waren. Mit Waffengeschäften ist immer eine Risikoabwägung verbunden: Ist es vertretbar, zu liefern? Eine Welt ohne Waffen ist eine schöne Vorstellung, doch so ist die Realität nicht.

ZEIT ONLINE: Sipri stellte fest, dass in den vergangenen Jahren insbesondere in den Nahen Osten viele Waffen geliefert wurden. Warum gerade dorthin?

Mölling: Das hat mehrere Gründe. Einige dieser Staaten kaufen Waffen, um eine politische Beziehung einzugehen. Saudi-Arabien etwa bezieht viele Systeme bei strategisch wichtigen Partnern wie den USA und Großbritannien. Dadurch versucht das Königreich, die wesentlichen Akteure dort von sich abhängig zu machen. Aus einer solchen Stellung heraus kann Saudi-Arabien dann mehr Verständnis für die eigene Politik einfordern.

Neben diesem politischen Motiv spielt aber auch die regionale Rivalität eine Rolle. Das angespannte Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und dem Iran führt zu mehr Rüstung in der Region. Mitunter geht es aber auch einfach um die Modernisierung bestehender Systeme.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig sind deutsche Waffenexporte im weltweiten Wettrüsten?

Mölling: Wenig wichtig. Der Anteil ist gering. Die deutschen Zahlen sind deshalb hoch, weil die Rüstungsgüter sehr teuer sind.

ZEIT ONLINE: Die schlechte Einsatzbereitschaft der Bundeswehr und Pannen wie beim Transportflugzeug A400M schaden dem Label Made in Germany bei Waffen also nicht?

Mölling: Die deutschen Systeme sind überwiegend von hoher Qualität. Da sieht es in anderen Armeen viel schlimmer aus. Aus diesem Blickwinkel relativieren sich die Probleme der Bundeswehr. Selbst das A400M wird irgendwann fliegen und dann kein schlechtes Flugzeug sein. Das bedeutet aber nicht, dass man die Fehler bei der Entwicklung einfach vergessen sollte.

Wie viel Geld die Nato und Russland in Rüstung stecken Auch wenn es den Warschauer Pakt nicht mehr gibt: Der Nato stehen in Russland und Belarus (Weißrussland) hochgerüstete Armeen gegenüber. Die Summe der Rüstungsausgaben unterscheidet sich deutlich.