Jürgen Schupp ist Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Dort ist er stellvertretender Leiter des sozio-oekonomischen Panels.

ZEIT ONLINE: Herr Schupp, verschiedene SPD-Politiker fordern ein solidarisches Grundeinkommen. Langfristig soll dies sogar Hartz IV komplett ersetzen. Wie kann das funktionieren?

Jürgen Schupp: Langzeitarbeitslosen, die nur schwer in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln sind, soll ein Angebot gemacht werden. Ganz konkret: ein öffentlich geförderter Job, für den der Mindestlohn gezahlt wird. Das wäre eine deutlich bessere Alternative zu den bisherigen Arbeitsgelegenheiten – den berühmten Ein-Euro-Jobs. Ein solches Modell könnte dazu beitragen, Menschen dauerhaft aus dem Hartz-IV-System zu bekommen und in Beschäftigung einzugliedern.

ZEIT ONLINE: Staatlich subventionierte Beschäftigung – ist das solidarische Grundeinkommen in seiner Logik nicht den Ein-Euro-Jobs sehr ähnlich, die nicht gut funktioniert haben?

Schupp: Nein, es gibt einen entscheidenden Unterschied. Die Ein-Euro-Jobs haben nicht funktioniert, weil sie befristet waren. Sie boten damit keine dauerhafte Perspektive, die Arbeitslosen blieben im Hartz-IV-System stecken. Die Ein-Euro-Jobs waren quasi ein Trinkgeld auf den Hartz-IV-Regelsatz. Vielfach bereits nach einem halben Jahr oder längstens nach zwei Jahren war Schluss, auch wenn Arbeitgeber und der Betroffene gerne weitergemacht hätten. Für die Arbeitslosen bedeutete das permanente Unsicherheit – sie wurden oft von einem Ein-Euro-Job in den nächsten vermittelt. Die Idee eines unbefristeten solidarischen Grundeinkommen würde genau das verhindern. Es würde ein Job geschaffen, der den Menschen eine dauerhafte Perspektive bei einem kommunalen Arbeitgeber geben würde und den Leistungsbezug beim Jobcenter ablöst.

ZEIT ONLINE: Diesen Menschen soll der Mindestlohn gezahlt werden. Wie teuer wäre ein solches Modell?

Schupp: Natürlich ist das nicht zum Nulltarif zu haben. Pro geförderten Arbeitslosen müsste der Fiskus gemäß unseren Berechnungen am DIW zwischen 5.000 und 7.000 Euro im Jahr drauflegen. Das entspricht in etwa der Differenz aller Leistungen gemäß Hartz IV und den Kosten eines regulären Arbeitsplatzes zum Mindestlohn. Aber es könnte sich trotzdem lohnen: Es würde Arbeit erledigt, die wichtig und notwendig für die Gesellschaft ist, für die es bislang aber nicht genug bezahlte Jobs gab – beispielsweise in der Pflege.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht gewagt zu behaupten, ein solidarisches Grundeinkommen könnte Hartz IV komplett ersetzen?

Schupp: Das ist natürlich kurzfristig nicht umsetzbar. Aber ich glaube auch nicht, dass die Mehrheit der SPD dies wirklich anstrebt. Ein solidarisches Grundeinkommen ist kein Allheilmittel für alle Probleme, die mit Hartz IV verbunden sind. Der Fokus sollte auf den Langzeitarbeitslosen liegen, die komplett von Hartz IV leben. Davon gibt es in Deutschland knapp ein Million. In einem ersten Schritt sollte man prüfen, wer von diesen Menschen für ein solches Grundeinkommen infrage kommt und welche Kommunen bereit sind, ein solches Jobangebot zu unterbreiten.