Die Abweichung ist zwar gering, aber verlassen kann man sich im Moment nicht auf die exakte Zeit vieler Radiowecker und anderer elektrischer Uhren, etwa an Herden oder Mikrowellen. Die Geräte gehen um einige Minuten nach, weil sie für die Zeitmessung die Frequenz im Stromnetz nutzen, an dem sie hängen. Die ist seit Mitte Januar nicht so stabil wie sie sein sollte, was mit der Stromeinspeisung zusammenhängt – und die Spur zur Ursache führt auf den Balkan.

Der Verband der Europäischen Übertragungsnetzbetreiber (Entso-E) hat das Problem inzwischen im Netzbereich des Kosovos und Serbiens lokalisiert. Im Kosovo wird zu wenig Strom in das Netz einspeist, Serbien könnte und müsste das ausgleichen, tut es aber nicht – die beiden streiten um die Kosten und die Bezahlung. Auswirkungen hat das in 25 europäischen Ländern, auch in Deutschland, weil die meisten Netze zusammenhängen.

Es geht darum, die Frequenz halbwegs konstant bei 50 Hertz zu halten. Das sind eben 50 Schwingungen pro Sekunde, auf die sich manche Uhren verlassen, für die ein eigener Taktgeber, also eine Quarzsteuerung, einfach zu teuer ist. Dasselbe gilt für eine Steuerung über Funksignale.

Minimal ungenau ist eine Zeitmessung über das Stromnetz immer, solche günstigen Uhren gehen also im Prinzip immer falsch – mal ein wenig schneller, mal ein wenig langsamer, meist nicht mehr als 20 Sekunden in die eine oder andere Richtung. Wegen des Streits auf dem Balkan haben sich aber mittlerweile fast sechs Minuten angesammelt, die dem klassischen Radiowecker fehlen, der nun also wirklich merklich nachgeht.

Denn es ist so: Wird zu wenig Strom ins Netz eingespeist, also weniger als gerade verbraucht wird, sinkt die Frequenz, beziehungsweise umgekehrt. Die Netzbetreiber reagieren darauf in der Regel sofort, um die 50 Hertz zu halten. Das ist vereinbart in klaren Regelzonen, in diesem Fall umfasst sie den Bereich Serbien-Montenegro-Mazedonien.

Grundsätzlich ist auch das Stromnetz selbst gefährdet, wenn die Frequenz nicht verlässlich ist. So groß ist die Stromlücke allerdings nicht, dass es deswegen zu einem Ausfall kommen könnte. Die Abweichungen sind gering, haben sich eben bloß über längere Zeit auf die davon abhängigen Uhren ausgewirkt.

Der europäische Verband ist zuversichtlich, die Unterversorgung im Laufe dieser Woche ausgleichen zu können. Er fordert eine schnelle Lösung auf politischer Ebene und arbeitet an einem Kompensationsprogramm, um schnell wieder auf den richtigen Takt zu kommen. Die Stromnetz-Uhren jetzt um die fehlenden sechs Minuten nachzustellen, hilft nur kurzfristig. Wer wirklich pünktlich sein muss, sollte sich auf andere Uhren verlassen.