Am Dienstag jährt sich das Unglück in der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesh. Gisela Burckhardt, Vorsitzende des Vereins Femnet, engagiert sich in der weltweiten Clean Clothes Campaign für bessere Arbeitsbedingungen in der globalisierten Textilbranche.

Als genau vor fünf Jahren, am 24. April 2013, das achtstöckige Gebäude des Rana Plaza in Bangladesch einbrach und deswegen 1.134 Menschen starben, ging ein Aufschrei um die Welt. Unter dem Druck der internationalen Öffentlichkeit erklärten sich rund 220 Markenunternehmen nach langen Verhandlungen mit Gewerkschaften und NGOs bereit, ein Gebäude- und Brandschutz-Abkommen, kurz Accord, zu unterzeichnen.  Der Accord ist ein Erfolg, denn er wurde zwischen Einkäufern und internationalen und lokalen Gewerkschaften ausgehandelt, ist gesetzlich bindend und schafft Transparenz. Auch die Finanzierung der Inspektionen wurde mit rund elf Millionen US-Dollar pro Jahr von 2013 bis 2018 sichergestellt. 

Rund 1.600 Fabriken mit mehr als zwei Millionen Beschäftigten wurden seitdem in Hinblick auf Statik, Elektrik und Brandschutz überprüft. Damit erhält rund die Hälfte der vier Millionen Beschäftigten in der Textilindustrie Bangladeschs mit einem Exportvolumen von über 28 Milliarden US-Dollar endlich Jobs, deren Arbeitssicherheit beträchtlich verbessert wurde. Die andere Hälfte arbeitet in Fabriken, die entweder durch ein US-amerikanisches Übereinkommen (Alliance) oder durch die Regierung selber überprüft werden, kleine Zulieferer sind vermutlich nicht erfasst. Von den mehr als 130.000 Verstößen, die die rund 100 Ingenieure des Accord gefunden haben, wurden etwa 84 Prozent bisher behoben. 96 Fabriken mussten dauerhaft und 50 vorübergehend geschlossen werden. Rund 500 Beschwerden von Arbeiterinnen und Arbeitern wurden dank des Accords vorgebracht. All das hat die Sicherheit der Beschäftigten erhöht.

Zähe Auszahlung der Entschädigung

Auch die Entschädigungen sind inzwischen abgeschlossen. Es bedurfte allerdings einer mehrjährigen intensiven Kampagne durch die Clean Clothes Campaign, bis die Entschädigungssumme von 30 Millionen US-Dollar zusammenkam – eine viel zu lange Zeit für Menschen, die unter vielen Entbehrungen und mit teilweise furchtbaren Schmerzen warten mussten. Auch die rund 150 Verletzten und die Familien der 112 Toten des Brandes bei Tazreen im November 2012 sind inzwischen entschädigt worden.

Doch dieses Bild ist unvollständig. Denn in mehr als 800 Fabriken fehlt immer noch ein funktionierendes Feueralarmsystem und 286 Fabriken haben immer noch nicht Statikprobleme behoben. 145 Unternehmen (Stand 14. April 2018) haben sich bereit erklärt, den Accord bis Mai 2021 zu verlängern. Darunter sind die großen Einkäufer, sie decken rund 80 Prozent aller Fabriken ab.

Doch noch immer gibt es Marken, die dazu nicht bereit sind, etwa Abercrombie & Fitch und die deutschen Firmen New Yorker und Jack Wolfskin. Das Nachfolgeabkommen soll auch die Produktion von Heimtextilien abdecken. Jedoch verweigern große Herstellerunternehmen wie der Ikea-Konzern bislang ihre Unterstützung. Die Clean Clothes Campaign, eine internationale Kampagne für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie, ruft diese Unternehmen auf, sich endlich zu beteiligen. 

Einkaufspreise fallen weiterhin

Bis heute fehlt zudem eine staatliche Arbeitsunfallversicherung. Sie wird dringend benötigt, damit bei künftigen Katastrophen den Betroffenen schnell und unkompliziert finanziell geholfen werden kann. Während die deutsche Bundesregierung und die Internationale Arbeitsorganisation ILO eine solche Unfallversicherung begrüßen, verwehren sich die Fabrikbesitzer in Bangladesch dagegen. Sie fürchten, dass die Abgaben für eine Versicherung die Kosten ihrer Waren hochtreiben und die internationalen Einkäufer dann in andere Länder abwandern. Diese Furcht ist nicht unbegründet. Schließlich erfahren die Fabrikbesitzer tagtäglich, dass die Markenunternehmen zwar Sozial- und Umweltstandards einfordern, aber nicht bereit sind, höhere Preise zu zahlen. Ganz im Gegenteil: Die Einkaufspreise sind, so das Center for Global Workers' Rights, seit Rana Plaza um 13 Prozent gefallen. Letztlich liegt es also an den Einkäufern, ob sich die Arbeitsbedingungen in Bangladesch verändern.