Wir wissen viel zu wenig über China – deshalb befasst sich ZEIT ONLINE in einem Schwerpunkt mit dem Land.

Rushhour, Stau, ein normaler Abend in der chinesischen Metropole Suzhou. Der 31-jährige Ingenieur Qiu sitzt im Auto und steckt fest. Doch Qiu hat Spaß. In der Zwangspause lebt er sein digitales Leben. Per WeChat, der chinesischen Multifunktionsapp, albert er mit Freunden, die zu treffen er kaum Zeit hat; er stimmt mit seiner ebenfalls berufstätigen Frau das Abendessen ab, um es dann bei einem Onlinelieferanten zu bestellen; oder er begleicht einfach Rechnungen.  

Die Qius sind moderne chinesische Städter, die Digitalisierung prägt ihren Alltag in einem Maße, das mit Europa oder den USA nicht vergleichbar ist. Das Bezahlen per Smartphone ist in China Standard, ob Supermarkt, U-Bahn, Stromrechnung, Krankenhausbesuch, Taxi oder Behördengang. Die Phase des bargeldlosen Zahlens mit Karte ist in China einfach übersprungen worden. Vor ein paar Jahren scherzte man noch, bald gebe man Almosen an Bettler nur noch per Smartphone. Heute ist das Realität: QR-Code scannen, Pin eingeben, fertig.

Möglich machen das Alipay und die WeChat-Konten, die zwei wichtigsten digitalen Zahlungssysteme Chinas aus den Häusern Alibaba und Tencent. Die beiden Technologieunternehmens gehören mit der Suchmaschine Baidu zu den großen Internet-Monopolisten des Landes. Ihren Erfolg verdanken sie auch der Tatsache, dass der Staat US-Unternehmen wie Facebook, Amazon oder Paypal vom chinesischen Binnenmarkt so gut wie ausschließt.

Tencent und Alibaba können auf einen gigantischen Datenpool zugreifen

Was den digitalen Markt Chinas aber vor allem von dem in Europa und den USA unterscheidet, ist, dass die Chinesen mit ihren persönlichen Daten extrem entspannt umgehen. Menschen wie Qiu haben keine Angst vor Datenmissbrauch. Eher fatalistisch fragt er: "Weißt du eine bessere Idee zum Smartphone?" Dabei können Tencent und Alibaba auf einen gigantischen Datenpool zugreifen, der ihnen minutiös Auskunft darüber gibt, was ihre Kunden einkaufen und wo sie sich gerade befinden. Natürlich tun Google oder Facebook das in anderen Ländern auch. Aber der Unterschied ist, dass in China der Staat beziehungsweise die herrschende Kommunistische Partei Zugriff auf die Daten der Bürger hat.

Digitale Zahlungsdienstleister wie Alipay sind zu Konkurrenten der Staatsbanken geworden, deshalb müssen sie seit 2017 ihre Geschäfte der Zentralbank unterstellen. Der Staat will jederzeit wissen, was die Bürger mit ihrem Geld anstellen. Und schon lange bevor die Guthaben der direkten staatlichen Überwachung unterstellt wurden, hatte sich die Regierung in Peking bereits das Recht reserviert, die Kommunikation der Bürger inhaltlich zu überwachen, um gegebenenfalls sofort einzugreifen und zu zensieren.

Sämtliche Anbieter von Onlineportalen sind mindestens ein halbes Jahr zur Vorratsdatenspeicherung verpflichtet. Jedes Wort muss zurückverfolgbar zu einer realen Personen sein. In Blogs und Foren haften Provider und Moderatoren, wenn jemand in ihrer Domain etwas postet, das den Zensoren nicht gefällt. Jüngst wurde diese Kettenhaftung auf Smartphone-Chats wie die von WeChat erweitert. Auch hier gilt jetzt: Wenn der Administrator einer Chat-Gruppe etwas vermeintlich Verdächtiges nicht oder nicht schnell genug löscht, den Vorfall nicht oder nicht rechtzeitig bei der Kontrollbehörde meldet oder den Übeltäter nicht anzeigt, bekommt er oder sein Unternehmen Ärger mit der Obrigkeit.

Auf diese kontrollierte Durchdigitalisierung des Alltags reagieren die Chinesen unterschiedlich. Viele freuen sich über den zunehmenden Komfort und den Wettbewerbsvorteil: Wir in China, sagen sie, sind schon jetzt Weltmeister der bargeldlosen Gesellschaft, während sich der Westen mit endlosen Datenschutzdebatten quält. Und sie freuen sich über mehr Sicherheit. Taschendiebe seien jetzt arbeitslos, sagen sie, außerdem hielten die unzähligen Überwachungskameras jede Gaunerei fest. Mit dem anstehenden Ausbau der Gesichtserkennung würden sie zum perfekten Überwachungsinstrument gegen Straftäter.