Handfeste Motive wie beispielsweise die klammheimliche Hoffnung auf Sex mit anderen Menschen aus anderen Weltgegenden – oder überhaupt mal wieder Sex – spielen sicher eine Rolle. Aber das reicht wohl kaum allein als Erklärung. Es scheint um mehr zu gehen, nicht zuletzt um die Sinnfrage.

Wir alle schweben auf einer kleinen Kugel durchs riesige Weltall, und man kann sich durchaus fragen: Wozu stehe ich eigentlich morgens auf? Und warum tue ich mir den Stress auf Arbeit an, wenn all die spannenden Projekte, denen wir uns so hingebungsvoll widmen, bei Licht betrachtet doch gar keinem größeren Sinn dienen?

Die alten Antworten – für Gott, fürs Vaterland, für den Führer – sind erkennbar verbraucht. Was könnte da das ganze Schuften und generell unser seltsames Tun besser legitimieren als eine aufregende Fernreise, die uns die Welt scheinbar völlig neu zeigt und allem einen großen Rahmen gibt?

So betrachtet wird auch verständlich, warum man sich auf Reisen einlässt, die objektiv gar nicht besonders angenehm sind, mit drückend heißem Klima, schlechtem Essen und ungemütlichen Hotels: Die Fernreise verspricht Aufregung und Erlebnisse. Und dass möglichst viele intensive Erlebnisse das allerwichtigste im Leben sind, ist im Verlaufe der letzten 200 Jahre schrittweise zum zentralen Glaubenssatz unserer Zivilisation geworden. Ohne sie könnte sich plötzlich eine große Leere in uns breit machen – zumindest scheinen das viele zu befürchten.

Doch was ist daran eigentlich so selbstverständlich? Und könnte man Erlebnisse und Völkerverständigung nicht auch mit gelegentlichen, maßvollen Reisen und über die sozialen Medien vertiefen?

Der liberale Staat schützt die Freiheit der Schwächeren

Nun finden viele die Kritik an der Vielfliegerei paternalistisch und bevormundend. Ist es nicht jedermanns eigene Sache, wo er oder sie den Urlaub verbringt? Nur begrenzt. Der liberale Staat garantiert die individuelle Freiheit – er schützt aber auch die Freiheit der Klimawandelopfer vor der Freiheit der Konsumenten und Unternehmen. Daraus wiederum kann sich sogar eine Pflicht ergeben, die Vielfliegerei aufgrund ihrer Klimaschädlichkeit zu erschweren. Sie ist nämlich ein Problem für die Freiheit anderer Menschen, etwa von Bauern in Bangladesch oder Zentralafrika, die wegen zunehmender Dürren oder wegen des steigenden Meeresspiegels existenziell bedroht werden, und ebenso für die Freiheit der Küstenbewohner Europas. Bevormundend wäre es nur, wenn jemand vor sich selbst geschützt wird: wenn man also den Vielfliegern selbst etwas Gutes tun wollte, indem man sie am Fliegen hinderte.

Könnte man sich die ganze Diskussion nicht trotzdem sparen? Etwa, indem man die Fliegerei klimaneutral gestaltet, etwa durch Aufforstungen, die Treibhausgase binden? Selbst wenn solche Kompensationsprojekte gut gemacht sind: Sie können das Problem nicht lösen. Denn wenn wir die Emissionen in wenigen Jahren global und in sämtlichen Sektoren auf Null senken wollen, brauchen wir die Kompensationen aus Wald- oder Moorbewirtschaftung anderweitig: zum Ausgleich lebenswichtiger Emissionen aus unserer Ernährung – und nicht, um unseren Luxuskonsum aufrechtzuerhalten.

Emissionsfreies Fliegen wäre zwar denkbar, wenn Flugzeuge mit Wind- und Solarstrom angetrieben werden könnten. Aber die Batterien, die den Ökostrom speichern müssten, sind schlicht zu schwer dafür. Nötig wäre ein technischer Sprung, hin zu Power-to-X-Technologien, mit deren Hilfe man Wind- und Solarstrom in Treibstoff umwandeln könnte – durch sie wäre das Ökoproblem des Fliegens zum größeren Teil gelöst. Wann sie aber eingesetzt werden können, ist derzeit noch völlig offen. Und teurer würde das Fliegen durch sie allemal.