Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Im Keller lagert ein Vorrat, der das Überleben für drei Wochen sichert. 15 Kästen Mineralwasser, Doseneintöpfe, Nudeln und Reis. Alice Hermens zeigt das Notfallset, das sie in einer Ikea-Box untergebracht hat: Schutzanzüge, Masken und Jodtabletten. Auf den Ernstfall ist Familie Hermens gut vorbereitet.

Sollten eines Tages die Sirenen schrillen und den Raum Aachen ins Chaos werfen, wird Gereon Hermens im Büro in den weißen Schutzanzug schlüpfen, die drei Töchter aus der Schule holen und sich zu Fuß nach Hause durchschlagen. Bevor der Druck in der Leitung abfällt, wird Alice Hermens die Wassertanks auffüllen und die Meerschweinchen ins Haus holen. Wenn die Familie dann hoffentlich vereint ist, wird sie sich einschließen, das Radio anschalten, auf Instruktionen warten und hoffen, dass sie den Super-GAU möglichst unbeschadet übersteht.

Gereon und Alice Hermens in ihrem Garten in Aachen. © Marcus Simaitis für ZEIT ONLINE

"Wir haben das alles durchgespielt und dabei gemerkt, was das für ein Wahnsinn ist", sagt Gereon Hermens, ein schlanker, groß gewachsener Mann. "Es gab eine Zeit, in der die Angst großen Einfluss auf unsere Leben hatte." Allmählich hätten sie aber etwas Distanz geschaffen, sie nähmen auch nicht mehr an jeder Demo teil. "Manchmal muss man das ausblenden, sonst kann man das gar nicht aushalten." Das Ehepaar Hermens sitzt im Garten seines Einfamilienhauses in Brand, einem ländlichen Idyll am Rande Aachens, wenige Kilometer von der belgischen Grenze entfernt, etwa 70 Kilometer weit weg von Huy, wo jenes Atomkraftwerk steht, das vielen Menschen in der Region seit Jahren Angst macht: Tihange.

Belgien - Atomausstieg verschoben An der deutsch-belgischen Grenze stehen drei der sieben Atomkraftwerke Belgiens. Darüber, ob und wann sie abgeschaltet werden sollen, streiten Politiker und Wissenschaftler. Eine Videoreportage © Foto: Emmanuel Dunand / Getty Images

Risse, Risse, Risse

Die Geschichte des AKW Tihange ist ein deutsch-belgischer Wirtschaftskrimi. Es geht um Pannen, Panik, Klüngelei, Täuschung und Doppelmoral. Es ist auch eine Geschichte, die für die Schwierigkeiten steht, sich von einer riskanten Technik zu verabschieden, die billigen Strom liefert und satte Gewinne garantiert.

Diese Geschichte beginnt im Jahr 2012. Bei Ultraschalluntersuchungen der Reaktordruckbehälter in den beiden belgischen Atomanlagen Tihange und Doel stellen Experten tief im Stahl mysteriöse Risse fest. Die betroffenen Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 müssen runtergefahren werden. Immerhin ist der Druckbehälter eine der kritischsten Komponenten eines Kernkraftwerks. In dem Stahlkokon liegen die Brennstäbe, hier spielt sich die nukleare Kettenreaktion ab. Sollte der Reaktor bersten, würde es zur Kernschmelze kommen. Schon wenige Stunden nach dem GAU könnte eine radioaktive Wolke mit den Westwinden Richtung Nordrhein-Westfalen ziehen. Einer Studie der Universität für Bodenkultur in Wien zufolge könnte Aachen im Ernstfall zum "langfristig unbewohnbaren Gebiet" erklärt werden.

Im März 2014 mussten Tihange 2 und Doel 3 auf behördliche Anordnung erneut heruntergefahren werden. Der Grund: "unerwartete Resultate" bezüglich mechanischer Resistenz. Tatsächlich ergaben spätere Tests, dass sich die Zahl der Risse auf 16.000 erhöht hatte. Diesmal, glaubten die Menschen in der Region Aachen, werde der Pannenreaktor nicht wieder ans Netz gehen.

Doch dann traf die belgische Atomaufsichtsbehörde Fanc eine überraschende Entscheidung. Ende November 2015 erteilte sie dem Betreiber die Genehmigung, Tihange 2 trotz aller Bedenken wieder hochzufahren. Fanc und der französische AKW-Betreiber Engie Electrabel hatten ihre Erklärung für die Risse inzwischen verändert. Es habe sich herausgestellt, dass die Risse im Metall nicht während des Betriebs, sondern wohl bereits bei der Produktion des Reaktorbehälters entstanden seien. Dabei handelt es sich genau genommen um Wasserstoffflocken, die beim Schmiedeprozesses in das Metall eingeschlossen wurden. Dass sich die Anzahl der Risse deutlich erhöht habe, habe allein mit der Messtechnik zu tun, die im Lauf der Jahre verfeinert worden sei. Die Fanc versichert: Die Bruchfestigkeit des betroffenen Behälters sei "nur leicht reduziert" und liege immer noch eineinhalbfach über dem vorgeschriebenen Grenzwert.

Protest und Jodtabletten

Die Bevölkerung vor allem im grenznahen Aachen vertraut solchen Erklärungen aus Belgien schon lange nicht mehr. In der Region ist die wohl größte Antiatomkraftbewegung seit den Achtzigerjahren entstanden. Überall leuchtet die Forderung der AKW-Gegner in Gelb-Schwarz, sie klebt auf Autos und hängt als Poster in vielen Fenstern: "Stop Tihange".

Helmut Etschenberg ist das politische Gesicht dieses Protests. Als Städteregionsrat vertritt er die Interessen mehrerer Gemeinden im Großraum Aachen. Zudem kümmert er sich auch um ein besseres Zusammenleben von Deutschen, Holländern und Belgiern im Dreiländereck. Vor zweieinhalb Jahren hatte er während einer Demo am Aachener Elisenbrunnen sein Anti-Tihange-Erweckungserlebnis. Ein Rollstuhlfahrer drückte ihm ein Protestpapier in die Hand und forderte ihn auf, eine Rede zu halten. Kurz darauf stand er auf der Bühne. Seither fühlt er sich als Chef der Städteregion berufen, "zu kämpfen, bis das Ding stillsteht". Seine Behörde hat Infobroschüren gedruckt, Podiumsdiskussionen veranstaltet und Erklärvideos für den Ernstfall ins Netz gestellt. Im August 2017 startete er die Ausgabe von Jodtabletten an Zehntausende Bewohner der deutschen Gemeinden, als Vorsichtsmaßnahme. Im Ernstfall eingenommen sollen sie dafür sorgen, dass die Schilddrüse kein radioaktives Jod aufnehmen kann.