Durchsetzungsfähigkeit, Pflichtbewusstsein, Offenheit für Neues und kommunikative Stärke – diese Eigenschaften werden anscheinend gefördert, wenn Kinder früh in die Kita gehen. Das haben Forscherinnen und Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) herausgefunden. "Kinder, die ein Jahr länger in einer Kita waren, haben im Schnitt bessere kommunikative Fähigkeiten und sind durchsetzungsfähiger. Das sind wichtige Persönlichkeitseigenschaften, die sich später auch auf die Bildungs- und Arbeitsmarktchancen auswirken können", sagt Studienautorin Frauke Peter.

Sie und ihre Kollegen wollten wissen, ob sich der Besuch einer Kita längerfristig positiv auf die Entwicklung eines Kindes auswirkt – und wenn ja, ob es dabei auch einen Zusammenhang zwischen dem Eintrittsalter in die Kita und der Dauer des Besuchs gibt, also ob es einen Unterschied macht, ob ein Kleinkind schon mit drei Jahren den Kindergarten besucht oder eben erst ab vier Jahren.

Auf Basis von Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) untersuchten die Forscher westdeutsche Kinder aus dem Jahrgang 1994/1995. Es war einer der ersten Jahrgänge, die einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz geltend machen konnten, denn dieser wurde im Jahr 1996 für Kinder ab dem vierten Lebensjahr eingeführt. Vorher war es in Westdeutschland üblich, dass Kinder vor allem von der Mutter zu Hause betreut wurden – flächendeckende Kindertagesbetreuung gab es nicht. Mitte der Neunzigerjahre besuchte nicht einmal jedes dritte Kind einen Kindergarten, erst mit Einführung des Rechtsanspruches änderte sich die Quote: Schon 1998 ging jedes zweite Kind im Alter zwischen vier und sechs Jahren zumindest halbtags in einen Kindergarten.

Kita hilft – unabhängig von Elternhaus und späterer Schule

Das wirkte sich offenbar positiv auf die Entwicklung dieser Kinder aus. Im Jahr 2010 befragten Peter und ihre Kollegen Kinder des Jahrgangs 1994/1995, die zu der Zeit in die neunte Klasse gingen. Die Kinder sollten einschätzen, inwieweit bestimmte Persönlichkeitsmerkmale auf sie zuträfen. Je nach Antworten wurden sie in fünf Persönlichkeitscluster eingeteilt, die beispielsweise zeigten, wie offen sie für Neues sind, wie hoch ihre Gewissenhaftigkeit ausgeprägt ist oder ihr Altruismus, ob sie schnell verunsichert oder impulsiv sind. Parallel wurden die Eltern unter anderem dazu befragt, ob ihre Kinder einen Kindergarten besucht hatten und wie alt sie dabei waren.

Die Antworten verglichen die Forscherinnen und Forscher mit den verfügbaren Kinderbetreuungsplätzen im Jahr 1998 – jenem Jahr, als die Kohorte das dritte Lebensjahr vollendete. "Damals konnten in vielen Kreisen und Kommunen nicht für alle Kinder Betreuungsplätze geschaffen werden", sagt Peter. "Daher gab es eine Stichtagsregelung: Mit Beginn des Schuljahres wurden die Kinder in einen Kindergarten aufgenommen, die bereits das dritte Lebensjahr vollendet hatten. Kinder, die erst im Laufe des Jahres drei Jahre alt wurden, gingen leer aus und kamen erst im darauffolgenden Kitajahr unter." Deshalb seien im gleichen Jahrgang manche Kinder schon mit drei, andere erst mit knapp vier in den Kindergarten gegangen.

Genau darauf kam es dem Forscherteam an: Beim Vergleich der Selbsteinschätzung der Jugendlichen zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen frühem Kitaeintritt und Persönlichkeitsentwicklung als Jugendlicher: Wer schon mit drei den Kindergarten besucht hatte, antwortete als Jugendlicher in der NEPS-Befragung so, dass viele nichtkognitive Fähigkeiten wie Flexibilität und Offenheit für Neues, Verantwortungsbewusstsein, Kommunikationsvermögen, Selbstvertrauen und Durchsetzungsfähigkeit im Schnitt stärker ausgeprägt waren als bei den anderen Jugendlichen – unabhängig vom Bildungsstand der Eltern und auch von der Schulform. Auch Hauptschüler, die mit drei in die Kita gegangen waren, hatten im Schnitt bessere nichtkognitive Fähigkeiten als die Vergleichsgruppe.

Früherer Kitaeintritt noch besser

Mittlerweile ist der Jahrgang 1994/1995 Anfang 20 und dürfte den Übergang in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt geschafft haben. Die Untersuchung des NEPS läuft weiter und dürfte mittelfristig Daten liefern, die noch stärkere Rückschlüsse auf einen Zusammenhang zwischen Kitaeintritt und Bildungs- sowie Arbeitsmarkterfolg liefern.

Was genau in der Kindergartenzeit aber zur Persönlichkeitsbildung beitrug – die Qualität der Betreuung, ihre Dauer oder die Ausstattung der Kindergärten –, wissen die Forscher nicht, denn darüber geben die verfügbaren Daten keine Auskunft. Dennoch könnte die Studie auf die aktuelle Debatte über den Ausbau der Kinderbetreuung für Kinder ab einem Jahr übertragen werden, ist sich Frauke Peter sicher: "Es lassen sich Parallelen zu heute ziehen. Es ist zu vermuten, dass auch bei einem noch jüngeren Kitaeintrittsalter die Persönlichkeitsentwicklung längerfristig beeinflusst wird. Wir schlussfolgern daher, dass grundsätzlich für alle Kinder ein früher Besuch in einer Kita möglich sein sollte."