Sebastian Unger forscht zu Fragen des Meeresschutzes und leitet den Bereich Governance der Ozeane am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam.

Nach mehr als zehn Jahren kontroverser Debatten starten die Vereinten Nationen (UN) in diesen Tagen in New York die Verhandlungen über ein neues Abkommen zum Schutz der Hohen See. Das Thema wird fast unbemerkt von der Öffentlichkeit diskutiert, aber das ändert nichts an der Bedeutung: Überfischung, Meeresverschmutzung, Klimawandel und die Versauerung setzen diesem über Jahrmillionen entstandenen Lebensraum immer stärker zu. Bis 2020 wollen sich die Vereinten Nationen auf international verbindliche Regelungen für den Schutz und eine nachhaltige Nutzung einigen.

Die Hochsee, die fast zwei Drittel des Ozeans ausmacht, liegt außerhalb der Zuständigkeit der Staaten. Sie wird durch internationale Abkommen bisher kaum geschützt. Hat sich die Ausbeutung der Meere bisher eher auf die Küsten konzentriert, wird der offene Ozean nun zunehmend befischt und für andere Nutzungen erschlossen. Neue Gefahren drohen außerdem durch den Tiefseebergbau: 28 Erkundungslizenzen hat die zuständige UN-Meeresbodenbehörde weltweit schon vergeben. Die mineralischen Ressourcen des Meeresgrundes lassen sich zum Beispiel für die Produktion von Akkus für Elektroautos oder Handys verwenden.

Kaum erforschtes Gebiet

Noch immer wird wesentlich mehr Geld für die Weltraumforschung als für die Erkundung des Ozeans ausgegeben. Dabei sind die bis zu elf Kilometer tiefen Meeresgebiete bisher kaum erforscht – erst fünf Prozent des Meeresbodens sind kartografiert –, doch zunehmend wird klar: Sie beherbergen nicht nur einen großen Teil der globalen Artenvielfalt, sondern haben auch eine zentrale Rolle bei der Klimaregulierung. Der Ozean nimmt einen beträchtlichen Teil des menschengemachten Kohlendioxids und fast die gesamte zusätzliche Wärme auf. Über Meeresströmungen sind auch die Küsten mit dem offenen Ozean direkt verbunden.   

Zunehmend wird aber auch klar: Die Strömungen dienen nicht nur Fischschwärmen und anderen Arten wie Walen und Schildkröten als Migrationskorridore, sondern sie verteilen auch Plastikmüll und andere vom Land stammende Verschmutzungen. Meeresforscher und -forscherinnen sowie Naturschützer fordern daher schon seit Langem ein umfassendes und rechtlich verbindliches Abkommen, um die empfindlichen Ökosysteme in der Hochsee besser zu schützen.

30 Prozent der Ozeanfläche müssten geschützt werden

Daher soll jetzt ein großflächiges Netzwerk von Meeresschutzgebieten auf der Hohen See entstehen. Die UN wollen bis 2020 weltweit mindestens zehn Prozent des Ozeans als Meeresschutzgebiet ausweisen. Viele Meeresforscher fordern für einen effektiven Schutz der marinen Artenvielfalt sogar mindestens dreißig Prozent. Von beiden Zielen sind wir weit entfernt: Bisher wurden weltweit gerade einmal vier Prozent erreicht, vor allem innerhalb der Hoheitsgewässer der Küstenstaaten. Auf der Hohen See sind Meeresschutzgebiete bisher eine Ausnahme. Vor allem die Staaten der EU, Neuseeland, Australien und viele Pazifikstaaten wollen dies mit dem neuen Abkommen ändern. Insbesondere Fischereinationen wie etwa Island, Japan, Russland und Südkorea fordern jedoch, dass sie von dem neuen Schutzabkommen ausgenommen bleiben. Dann aber hätten Meeresschutzgebiete für die Hochsee kaum positive Folgen.

Auch die Zersplitterung von Zuständigkeiten muss geändert werden. In der Präambel des internationalen Seerechtsübereinkommens, der "Verfassung der Ozeane", heißt es zwar, "dass die Probleme des Meeresraums eng miteinander verbunden sind und als Ganzes betrachtet werden müssen". Doch bisher werden Schifffahrt, Fischerei oder Tiefseebergbau getrennt reguliert. Die vielen zuständigen Institutionen stimmen sich untereinander kaum ab. Es fehlt sogar eine ganzheitliche Betrachtung von Umweltauswirkungen.

Fördergebiet oder Weltnaturerbe?

So hat beispielsweise die für den Tiefseebergbau zuständige UN-Behörde letztes Jahr eine Erkundungslizenz für das einzigartige Meeresgebiet Lost City mit heißen unterseeischen Quellen und bis zu 60 Meter hohen Schloten aus Kalziumkarbonat genehmigt. Ein anderer Teil der UN, die Unesco, schlägt genau für dieses Hydrothermalfeld zu Recht den Status eines möglichen Weltnaturerbes vor. Solche Konflikte soll das neue Abkommen in Zukunft verhindern.

Wer erhält die Gewinne?

Politisch und technisch komplex werden auch die Verhandlungen zur Nutzung genetischer Ressourcen. Unternehmen nutzen etwa Gene, die aus Organismen der Hohen See gewonnen werden, für die Herstellung von Medikamenten oder Kosmetika. Bisher müssen Profite aus der Anwendung nicht geteilt werden. Die wenigen Industriestaaten, die technisch zu dieser sogenannten Bioprospektion in der Lage sind, wollen am ungeregelten Status quo festhalten. Andere Staaten, insbesondere die Gruppe der 77 (G77) der Schwellen- und Entwicklungsländer, sehen diese genetischen Ressourcen als das gemeinsame Erbe der Menschheit an und fordern einen gerechten Mechanismus zur Teilung der Gewinne.

Der lange Weg von der Entdeckung bis zur Anwendung in der Industrie macht die Feststellung von tatsächlichen Profiten jedoch kompliziert. Zudem sind die Übergänge zwischen Bioprospektion und normaler Meeresforschung, deren Freiheit im Seerechtsübereinkommen garantiert wird, fließend. Ohne ein Entgegenkommen der Industrieländer werden die Verhandlungen aber kaum vorangehen.

Der Weg zu einem neuen Abkommen wird alles andere als einfach. Die Frage, wer auf der Hohen See über Schutz oder Nutzung entscheiden darf, ist politisch extrem umstritten. Konkurrierende Staatengruppen, UN-Organisationen und Nutzergruppen müssen sich einigen, wer in Zukunft die Gesamtverantwortung trägt. Das Ergebnis der Verhandlungen ist kaum vorauszusagen: Am Ende könnte eine neue UN-Organisation stehen, die den Schutz der Weltmeere mit umfassenden Zuständigkeiten in die Hand nimmt. Oder nur ein schwacher Rahmenvertrag, der den Staaten die Verantwortung zur Einrichtung von Meeresschutzgebieten selbst überlässt. Die New Yorker Verhandlungen in den nächsten zwei Jahren werden entscheidend für die Zukunft der Ozeane sein.