Es gab eine Zeit, da hielt es Theresa May für ein Problem, dass die Konservativen als nasty party ("fiese Partei") galten. Im Jahr 2002, als die Tories in einer Orientierungskrise steckten, warnte die damalige Parteigeneralsekretärin, dass sie diesen Ruf unbedingt abschütteln müssten, wenn sie wiedergewählt werden wollten. Die Wahl gewannen sie acht Jahre später, aber ihre eigenen Worte schien May zu vergessen: Als Innenministerin verschrieb sie sich einer Einwanderungspolitik, die Härte zur einzigen Tugend erhob: "Das Ziel ist es, hier in Großbritannien ein richtig feindliches Klima für illegale Migranten zu schaffen", sagte sie 2012. In den vergangenen Wochen und Monaten sind die Folgen dieser Politik offensichtlich geworden – und die Tories erscheinen jetzt nicht nur als fies, sondern auch als kaltherzig, geradezu unmenschlich.

Viele Briten karibischer Herkunft kamen nach dem Zweiten Weltkrieg ins Land und ließen sich hier nieder. In den vergangenen Jahren haben sie Briefe vom Innenministerium bekommen, in denen sie zum Verlassen des Landes aufgefordert werden. Sie leben zwar seit Jahrzehnten hier, aber auf einmal gelten sie als illegale Migranten. Und zwar weil sie nicht beweisen können, dass sie das Bleiberecht haben. Der Grund liegt in den Änderungen der britischen Einwanderungsgesetze.

In der Nachkriegszeit hatten alle Bürger aus den Staaten des Commonwealth, der Nachfolgeorganisation des britischen Weltreichs, auch das britische Bürgerrecht. Zehntausende reisten aus der Karibik ein, um beim Aufbau des Landes zu helfen; man nennt sie die Windrush-Generation, benannt nach dem Schiff, mit dem 1948 rund 500 Jamaikanerinnen und Jamaikaner in England ankamen. Im Lauf der 1960er-Jahre verschärfte die Regierung die Gesetze, und 1973 wurde das automatische Bleiberecht für Commonwealth-Bürger eingestellt. Wer schon im Land war, durfte bleiben, aber viele forderten die entsprechenden Dokumente nicht ein.

Regierung verspricht die britische Staatsbürgerschaft

Lange war dies kein Problem – bis 2014, als Großbritannien zu jener "abschreckenden Umgebung" (hostile enviromnent) für Illegale wurde, von der Theresa May geträumt hatte: Seither sind Vermieter, Gesundheitszentren und Arbeitgeber verpflichtet, den Immigrationsstatus ihrer Kunden oder Bewerber zu überprüfen. Das Gesetz zielte zwar auf illegale Migranten ab, aber in den Blick genommen wurden auch ältere karibischstämmige Briten.

Der 58-jährige Whitfield Francis beispielsweise, der in den 1960er-Jahren von Jamaika nach Großbritannien kam und seither hier lebt und arbeitet – er reparierte unter anderem Kriegsschiffe für die Royal Navy: Er wurde vor vier Jahren entlassen und hat seither keinen Job gefunden, weil ihm die nötigen Papiere fehlen. Anderen wurde mit der Abschiebung gedroht oder die Rückkehr nach Großbritannien verweigert, nachdem sie in der Karibik Verwandte besucht hatten. Die Zahl der karibischstämmigen Briten, denen die nötigen Dokumente fehlen, wird auf 50.000 geschätzt.

Der Skandal hat die Regierung arg unter Druck gebracht, insbesondere die Premierministerin, der die Verschärfung der Einwanderungsgesetze zu verdanken ist. Ihre Nachfolgerin als Innenministerin, Amber Rudd, gefällt sich in der Rolle als Mays eifrige Schülerin: Laut einem internen Dokument, das dem Guardian zugespielt wurde, versprach sie Anfang 2017, die abschreckenden Maßnahmen zu verschärfen und die Zahl der Ausschaffungen illegaler Migranten noch zu erhöhen. Von verschiedener Seite wurde Rudd seither aufgefordert, abzudanken. Erst am Montag unternahm die Ministerin einen entschlossenen Schritt, um die Krise vorerst zu entschärfen: Sie versprach, dass die gesamte Windrush-Generation die britische Staatsbürgerschaft erhalten werde, auch wenn ihnen die nötigen Unterlagen fehlen; jenen, die durch das Debakel finanzielle Verluste erlitten, werde Kompensation gezahlt.