Eigentlich kann man sich nur darüber wundern, dass es so lange gedauert hat. Dass Erzieherinnen und Feuerwehrleute, Pfleger und Busfahrerinnen erst jetzt mit aller Macht für eine kräftige Gehaltserhöhung streiken. Sie fordern sechs Prozent mehr Gehalt für das kommende Jahr oder zumindest eine Erhöhung um 200 Euro im Monat. Und das ist vollkommen richtig.

Natürlich stoßen die Gewerkschaften erst einmal auf Ablehnung: Die Arbeitgeber, in diesem Fall die Kommunen und der Bund, verweisen auf die "hochproblematische Haushaltslage zahlreicher Kommunen und öffentlicher Arbeitgeber". Den Bund würden höhere Gehälter etwa 560 Millionen Euro kosten, die Gemeinden sprechen sogar von 6,5 Milliarden. Dem halten die Gewerkschaften entgegen, dass die Steuereinnahmen dank des Wirtschaftsbooms so hoch seien wie lange nicht mehr. Die Beschäftigten müssten daran teilhaben.

Jenseits der Gerechtigkeitsfragen aber kündigt sich seit Jahren an, was jetzt Realität wird: Auch der öffentliche Dienst sucht dringend Personal. Warum sollte es dort auch anders laufen als in der freien Wirtschaft, angesichts der Wirtschaftsentwicklung? Der öffentliche Sektor investiert im großen Stil: Um durchschnittlich jeweils fünf Prozent sollen die Ausgaben laut Bundesfinanzministerium in den kommenden Jahren steigen. Städte und Gemeinden bauen neue Kitas, die Kommunen planen Straßen und neue Wohngebiete, Pflegestationen werden ausgebaut. Das schafft viele neue Jobs.  

ver.di - »Wann, wenn nicht jetzt?« Flugausfälle und lange Staus sind die Folge von Warnstreiks im öffentlichen Dienst. Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di fordert deutliche Lohnerhöhungen. © Foto: Arne Dedert/dpa

Wichtiger Beitrag für die Gesellschaft

Aber schon jetzt hat der öffentliche Dienst Probleme, neue Stellen zu besetzen. Daher zeigen sich die Arbeitgeber in den Verhandlungen wohl auch offen für Lohnsteigerungen, vor allem in den höheren Gehaltsstufen. Schließlich fällt es den Verwaltungen und öffentlichen Betrieben enorm schwer, mit Unternehmen aus der Industrie um hochspezialisierte Fachkräfte zu konkurrieren. Softwareentwickler oder Ingenieure werden überall gebraucht und verdienen selbst in mittelständischen Unternehmen mehr als im öffentlichen Dienst.

Was die Arbeitgeber aber nur ungern ansprechen, ist die schlechte Bezahlung von Mitarbeitern mit mittlerer Qualifikation. Es fehlt an Pflegekräften und Erziehern – eben auch, weil die Bezahlung nicht stimmt. Selbst wenn sich viele junge Leute für diese Jobs interessieren, weil sie gerne mit Menschen arbeiten, scheuen sie einen Einstieg oder scheiden nach wenigen Jahren wieder aus, weil Bezahlung und Belastung in keinem ausgewogenen Verhältnis stehen. Dabei leisten gerade Angestellte in sozialen Berufen einen wichtigen Beitrag in dieser Gesellschaft. Wer etwa will, dass lebenslanges Lernen schon in den Kitas beginnt, der muss auch den Erzieherinnen und Erziehern entsprechende Gehälter zahlen. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass anspruchsvolle und anstrengende Arbeit auch angemessen bezahlt wird.

Genau deshalb sind die 200 Euro, welche die Gewerkschaften als Mindeststeigerung fordern, so wichtig. Das zeigt eine einfache Rechnung: 2.500 Euro brutto verdienen Erzieherinnen und Erzieher nach Angaben von ver.di im bundesweiten Durchschnitt. Wenn sich die Gewerkschaft mit den Arbeitgebern auf fünf Prozent mehr Gehalt einigen würde – was schon viel wäre –, wären das nur zusätzliche 125 Euro brutto. Gerade in den unteren Gehaltsgruppen sind die Einkommen in den vergangenen Jahren aber kaum gewachsen oder sie stagnierten sogar. Um diese Arbeitnehmer nicht vom Aufschwung auszuschließen, braucht es diese Steigerung.

Am Ende haben die Arbeitgeber kaum eine andere Wahl. In manchen Regionen Deutschlands finden Unternehmen sogar kaum noch Leute für ungelernte Tätigkeiten, es herrscht an vielen Orten Vollbeschäftigung. Wenn der öffentliche Dienst mit Unternehmen aus der freien Wirtschaft um Leute konkurriert, kann er das am besten mit attraktiven Gehältern. Nur so können die Kommunen und der Bund mit dem Aufschwung mithalten und den Bürgern die Infrastruktur bieten, die diese zu Recht einfordern.