Vor vier Jahren hat Mười Tiếng beschlossen, dass es jetzt genug ist mit dem Reis. Jahrzehntelang hat der Bauer die sengende Hitze im Nacken gespürt, die jeder Reisbauer kennt und hasst, weil sie unter den pyramidenförmigen Strohhüten den Schweiß rinnen lässt. Er ist im Frühjahr durch die matschigen Furchen gelaufen, hat die jungen Pflanzen ausgesät und Unkraut entfernt, zwölf Stunden täglich. Damit hat er umgerechnet gerade einmal 100 Euro im Monat verdient. Jetzt will er endlich richtig Geld verdienen: mit Garnelen.

Seine Farm produziert jedes Jahr zwischen acht und zehn Tonnen der Tiere und bringt ihm mindestens dreimal so viel Geld ein wie früher der Reis, in guten Jahren deutlich mehr. Für vietnamesische Verhältnisse ist Mười Tiếng reich: Das Durchschnittseinkommen in dem Land liegt bei monatlich gerade einmal 155 Euro. "Man kann mit Garnelen richtig viel Geld machen", sagt er, und in jedem Wort steckt Stolz.

Die Garnelen haben Mười Tiếng reich gemacht, darauf ist er stolz. Reis anzubauen war harte Arbeit und lange nicht so lukrativ. © Josephine Pabst

Den Traum vom großen Geschäft teilt der Garnelenbauer mit seinem Land. Vietnam will um jeden Preis wachsen und das Label eines Schwellenlands endgültig abstreifen. Dafür legt die Regierung sich mächtig ins Zeug: Sie lockert Visaregelungen, um Touristen die Einreise zu erleichtern, sie schafft günstige Arbeitsbedingungen, um die größten Textilhersteller der Welt anzulocken.

Vor einigen Jahren hat Vietnam eine neue Goldgrube entdeckt, die Garnelen. Seitdem suchen Bauern, Verarbeiter und Exporteure ständig nach neuen Möglichkeiten, Profit und Margen zu erhöhen. Dafür nehmen sie in Kauf, dass große Teile des Landes im Wasser versinken und dass ohne den massenhaften Einsatz von Antibiotika nichts mehr geht. Garnelen aus Vietnam sind ein Importschlager in der EU. In deutschen Supermärkten werden die tiefgekühlten Tiere für bis zu 33 Euro je Kilo verkauft. Sie dienen ebenso als edles Salattopping wie auch als Häppchen für heiße Sommertage, gelten als kalorienarm und gesund. Über die Zuchtbedingungen wissen Konsumenten wenig bis nichts.

Lebensraum Küste

Garnelen gedeihen in den heißen Küstenregionen Südvietnams. Sie wachsen schnell und lassen sich problemlos gefroren um die Welt schicken. Im vergangenen Jahr hat Vietnam 683.400 Tonnen Garnelen produziert und ist gleichzeitig zum wichtigsten Garnelenlieferanten der EU aufgestiegen. Etwa jede vierte Garnele reiste rund fünf Wochen lang gefroren in Containerschiffen mehr als 16.000 Kilometer zu europäischen Häfen und gelangte von dort aus in die Supermarktregale. Mit Landwirtschaft und Fischerei erwirtschaftet Vietnam rund 16 Prozent seines Bruttoinlandprodukts, mit seiner Schuh- und Textilindustrie sind es dagegen gerade einmal rund 14 Prozent. Diese Entwicklung versetzt Bauern, Verarbeiter und Exporteure in Hochstimmung.

Auf den Garnelenfarmen simulieren die Züchter die Verhältnisse im natürlichen Lebensraum der Tiere, etwa indem sie Süß- und Salzwasser mischen. © Josephine Pabst

Der natürliche Lebensraum der Garnelen sind Küstenregionen, und zwar genau dort, wo sich Süßwasser aus Flüssen mit salzigem Meerwasser vermischt. In der Natur laichen die Krustentiere im offenen Meer. Die Larven wandern zur Küste und suchen Schutz im dichten Wurzelgeflecht von Mangrovenbäumen. Nach zwei Monaten wandern die Tiere wieder in etwas tiefere Wasserzonen zurück. Garnelen können unter Wasser laufen, sind gute Schwimmer und ernähren sich von kleinen Würmern, Muscheln, Krebsen und Algen. Je nach Art werden sie etwa 25 bis 30 Zentimeter groß. Im Laufe ihres Lebens häuten sie sich Dutzende Male. Oft fressen sie ihren abgestreiften Panzer. Dessen Nährstoffe helfen ihnen dann dabei, einen neuen Panzer zu bilden.

Seit den 1960er-Jahren gedeihen Garnelen auch in Aquakulturen. Traditionell liegen diese Farmen in Küstenregionen: Farmer wie Mười Tiếng befüllen ihre Becken mit einer Mischung aus Süß- und Salzwasser, kaufen Larven aus speziellen Zuchtstationen und ziehen sie drei bis vier Monate groß. Dann fischen sie die Tiere ab, leeren die Becken und beginnen einen neuen Zyklus. Mit diesem Verfahren lassen sich etwa zehn bis 30 Tiere pro Quadratmeter halten, wobei aber nur rund 70 Prozent der Tiere überleben. Das ist normal. In schlechten Jahren raffen Seuchen den gesamten Bestand dahin. Die größten Feinde der Farmer sind das Tauravirus, die Weißfleckenkrankheit und das Early Mortality Syndrome (EMS). Sie können die Arbeit von Monaten innerhalb weniger Tage zunichtemachen.

Eine neue Garnelensorte soll "Ausfälle verringern"

Tran Ngoc Hai sucht seit Jahren nach Ansätzen, die dabei helfen, dass das Geschäft mit den Garnelen auch zukünftig auf Wachstumskurs bleibt. Der Professor forscht und unterrichtet am Aquakultur-Institut der Universität in Cần Thơ, dem größten Garnelen-Forschungszentrums des Landes.

Cần Thơ zählt rund 250.000 Einwohner und ist damit die größte Stadt des Mekongdeltas. In der Region befinden sich 70 Prozent aller vietnamesischen Garnelenfarmen, denn hier lässt sich das Brackwasser aus Süß- und Salzwasser am besten erzeugen, das die Garnelen brauchen. Im Aquakultur-Institut ist man stolz auf den Ruf der Universität, aber auch die Erfolge der Branche: Pappaufsteller auf den Fluren zeigen nicht nur Fotos von Studenten auf Bolzplätzen, sondern auch steigende Exportraten der Garnelenindustrie. "Unser Ziel ist es, die Effizienz der Farmen zu erhöhen", sagt Tran Ngoc Hai. "Dafür verfolgen wir zwei Wege. Zum einen brauchen wir bessere Technik, beispielsweise Belüftungs- und Fütterungsanlagen. Gleichzeitig wechseln wir die Garnelensorte, um Ausfälle zu verringern."

Jahrelang züchteten die vietnamesischen Farmer vor allem die sogenannte Schwarze Tigergarnele, Penaeus monodon. Sie wird bis zu 33 Zentimeter lang und erreicht ein Gewicht von bis zu 130 Gramm, die schwarzen Streifen an der Oberseite des Panzers haben ihr den Namen eingebracht. Das Problem mit Penaeus monodon: Sie ist wählerisch beim Futter, sie wächst vergleichsweise langsam und vor allem ist sie anfällig für Krankheiten. Deshalb wird sie jetzt nach und nach ausgetauscht.