Es ist ein Mythos, dass Ungleichheit und Armut in Deutschland vor allem durch die Zuwanderung begründet sind. Ja, das Armutsrisiko in Deutschland nimmt zu, und eine Erklärung dafür ist in der Tat die zunehmende Migration. Viele der Menschen, die neu ins Land kommen, beziehen zuerst einmal geringe Löhne und Einkommen und sind relativ häufig von Armut bedroht. Aber dies ist eben nur eine Erklärung.

Eine neue DIW-Studie zeigt, dass die Ungleichheit der Einkommen seit den 1990er-Jahren deutlich gestiegen ist. Die ärmsten zehn Prozent der Haushalte haben heute geringere reale verfügbare Einkommen (also nach sozialen Transfers und Steuern) als noch in den 1990er-Jahren, bei den Markteinkommen (also ohne Transfers und Steuern) sind es sogar noch mehr, die auf der Strecke geblieben sind. Diese Entwicklung hat vor allem bis 2005 stattgefunden, seitdem hat sich die Einkommensungleichheit stabilisiert. Nun lässt sich darüber streiten, ob das Krisenjahr 2005 wirklich ein gültiges Vergleichsjahr ist und ob es als Erfolg zählen kann, dass die Ungleichheit seitdem nicht weiter gestiegen ist, obwohl es einen Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsboom gab. 

Wer sind die Einkommensschwachen?

Ein prominentes Argument einiger Ökonomen und Politiker lautet, der Einkommensverlust der ärmsten Haushalte sei gar kein so großes Problem, da die betroffenen Menschen heute andere sind als damals. Einige derer, die in den 1990er-Jahren zu den ärmsten zählten, konnten aufsteigen und bessere Einkommen erzielen, andere leben heute gar nicht mehr. Dafür sind andere Menschen nachgerückt, die nun die Gruppe der Einkommensschwachen ausmachen. Und dazu zählen heute durch die Zuwanderung sehr viel mehr Migrantinnen und Migranten als vor 25 Jahren. Der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an der Gruppe der 20 Prozent mit den niedrigsten Einkommen liegt nun (Stand 2015) bei rund 40 Prozent, im Jahr 2005 war es noch rund ein Viertel. 

Ist also alles gut, da ja "nur" die Zugewanderten von Armut und geringen Einkommen betroffen sind? Dieses Argument ist mindestens aus drei Gründen falsch. Zum einen entsteht schnell der Eindruck von Menschen zweiter Klasse, dessen Wohlergehen einen geringeren Wert hat. Wieso soll es akzeptabel sein, dass es andere Menschen sind als früher, die heute für den gleichen Job in der Pflege oder in der Gebäudereinigung geringere Einkommen erhalten als vor 20 Jahren? Und sollte es tatsächlich als Erfolg gefeiert werden, dass es heute einen größeren Niedriglohnbereich gibt als noch vor 20 Jahren?

Genauso verkehrt ist die Annahme, die Ungleichheit wäre nicht so hoch, wenn Deutschland nicht so viel Zuwanderung erfahren würde. Wer würde denn die Jobs in der Pflege, auf dem Bau und im Gaststättengewerbe machen, wenn nicht Migrantinnen und Migranten? Vielleicht gäbe es dann nicht ganz so viele Jobs in diesen Branchen und die Löhne wären nicht ganz so niedrig, aber an der Einkommensverteilung würde dies nur wenig verändern. Viele sehr schlecht bezahlte Jobs würden dann von Deutschen gemacht werden. Dass Einheimische häufig von Zuwanderung profitieren, da bessere Jobs dadurch entstehen und ihnen Aufstiegschancen eröffnet werden, belegen mehrere Studien, zum Beispiel aus den USA. Kurzum, auch viele Deutsche haben sich durch die Zuwanderung besserstellen können.