Wir wissen viel zu wenig über China – deshalb befasst sich ZEIT ONLINE in einem Schwerpunkt mit dem Land. Zuletzt beschrieb unser Autor Finn Mayer-Kuckuk, wie in China mit Geoengineering in die Umwelt eingegriffen wird.  

Als China 1978 begann, mit kapitalistischen Wirtschaftsformen zu experimentieren, lebte das Gros der Menschen noch auf dem Land, und fast alle dieser Dörfler arbeiteten in kleinen Landbetrieben. Doch nun gab es in den Städten plötzlich neue, einfache Jobs, mit denen man wirklich Geld verdienen konnte, zumindest verglichen mit den kargen Löhnen in der Landwirtschaft.

Private wie staatliche Unternehmer produzierten jetzt das, wonach der Markt im In- und Ausland verlangte, und dafür wurden viele Fabriken eröffnet. Und weil plötzlich Geld da war, begannen die Städte und Kommunen wie verrückt, Häuser und Infrastruktur zu bauen.

bebaute Fläche
1992 2015
China Peking Shanghai Hongkong

Die Folge war eine ökonomisch getriebene, vom Staat durchaus gewollte Landflucht. Eine Wanderungsbewegung, die die Städte anwachsen ließ, die aus Dörfern Millionenstädte machte und aus Millionenstädten urbane Cluster, allesamt vernetzt durch neue Straßen und moderne Schnellzüge. Heute ist es der Staat selbst, der die Urbanisierung forciert: Rückständige ländliche Ortschaften sollen durch öffentliche Bebauungen zwangsmodernisiert werden. Wir zeigen anhand von Satellitenaufnahmen der 1980er-Jahre bis heute, wie sich diese rasante Entwicklung vollzogen hat.

Chongqing

Provinz Sichuan

Manche sagen, Chongqing in der Provinz Sichuan wäre die größte Stadt der Welt. Geht man nach den Stadtgrenzen, hat sie 29 Millionen Einwohner. Die eigentliche Stadt Chongqing hat rund vier Millionen Bewohner, 1997 wurden die ländlichen Nachbargemeinden und -städte miteinbezogen, jetzt sind es über 80.000 Quadratkilometer Fläche. Die Größe der Stadt ergibt sich auch aus der geografischen Lage am Zusammenfluss der Flüsse Yangzi und Jialing.

Shenzhen

Provinz Guangdong

Shenzhen, nördlich der britischen Ex-Kolonie Hongkong, war 1979 noch ein Fischerstädtchen mit 30.000 Einwohnern – heute leben dort zwölf Millionen Menschen. Aus ein paar anfangs verloren im Reisfeld herumstehenden Hochhäusern ist eine moderne Glitzerstadt geworden. Die Entwicklung wurde von der Regierung in Peking bewusst gefördert. Mittlerweile sitzen hier zwei der größten Internet- und IT-Unternehmen der Welt: Tencent, das unter anderem Chinas weitverbreitete Multifunktions-App WeChat entwickelt hat, und der Netzwerkausstatter und Handyproduzent Huawei. Shenzhen ist heute Teil eines gigantischen Städteclusters in der Südprovinz Guangdong, dessen Hauptstadt die Zwölf-Millionen-Metropole Guangzhou ist.

Dalian

Provinz Liaoning

Die Stadt Dalian in Nordchina, unweit der Grenze zu Nordkorea, war lange Zeit unter der Kontrolle Russlands (ab 1897) und Japans (1905 bis 1945). Dalian liegt auf einer Halbinsel in der Provinz Liaoning und beherbergt Chinas nördlichsten eisfreien Seehafen. Bereits zu Zeiten der chinesischen Kaiser lag an diesem Ort ein Militärhafen. Inklusive der Randgemeinden leben hier mehr als sechs Millionen Menschen. Im Zeitraffer ist oben im Meer der im Bau befindliche Offshore-Flughafen zu erkennen.

Yiwu

Provinz Zhejiang

Yiwu ist eine Stadt mit nicht ganz einer Million Einwohnern in der chinesischen Provinz Zhejiang und liegt rund 300 Kilometer südöstlich von Shanghai. Seit 1975 hat sich die Einwohnerzahl der Stadt etwa verdoppelt. Bekannt ist Yiwu für seinen riesigen Großhandelsmarkt für Kleinwaren – wahrscheinlich ist es der größte der Welt – und dafür, dass rund 60 Prozent der weltweit verkauften Weihnachtsdeko hier produziert werden. Yiwu ist Teil einer städtischen Agglomeration namens Jinhua mit rund 5,5 Millionen Einwohnern.

Drei-Schluchten-Talsperre

Provinz Hubei

Keine Stadt, sondern ein gigantisches Energiebauwerk, ist der Drei-Schluchten-Staudamm im Yangzi-Fluss. Der Damm ist 185 Meter hoch und rund zwei Kilometer breit, der Stausee hat eine Länge von rund 600 Kilometern und zieht sich unter anderem durch drei Schluchten, daher der Name des Projektes. 1993 begannen die Bauten, seit 2008 wurde das Reservoir mit Wasser gefüllt, dabei versanken zahlreiche Städte und Dörfer in den Fluten. Das Wasserkraftwerk ist unter Naturschützern umstritten, denn es ist ein extremer Eingriff in die Umwelt.

Bereits heute leben mehr Chinesen in städtischen als in ländlichen Umgebungen. Es gibt gigantische Agglomerationen, es gibt Megacitys, von denen hierzulande noch niemand gehört hat, und es gibt Dutzende Städte, in denen über eine Million Menschen wohnen – in Deutschland gibt es davon gerade mal vier. In vielen dieser neuen Siedlungen leben Menschen verschiedener geografischer Herkunft: Es sind die Wanderarbeiter und die Zugezogenen vom Land, die Chinas Städte heute prägen. Was aber diese Verstädterung sozial mit den Menschen, mit ihrem Gemeinwesen macht – das weiß man heute noch nicht.