Biogemüse gilt als umweltfreundlich und gesund – aber ein großer Teil des Angebots im deutschen Einzelhandel kommt aus Andalusien, wo beispielsweise Biotomaten und -gurken unter Plastikfolien angebaut und dermaßen aufwendig bewässert werden, dass der Grundwasserspiegel sinkt und das Trinkwasser versalzt. Wie ökologisch kann das noch sein? Wolfgang Bokelmann erforscht unter anderem solche Fragen. Er ist Professor für die Ökonomie der Gärtnerischen Produktion an der Humboldt-Universität Berlin, spezialisiert auf Nachhaltigkeitsthemen und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz des Landwirtschaftsministeriums.  

ZEIT ONLINE: Herr Bokelmann, welches Gemüse soll ich kaufen, wenn ich meinen Bedarf möglichst umweltfreundlich decken möchte?

Wolfgang Bokelmann: Ganz grundsätzlich essen die Deutschen viel zu wenig Gemüse. Deshalb ist jedes Gemüse, das Sie zusätzlich kaufen, zunächst einmal gut, ganz unabhängig von seiner Herkunft. Es ist gesünder und auch umweltfreundlicher als tierische Nahrungsmittel, weil der Anbau von Pflanzen viel weniger natürliche Ressourcen verbraucht als zum Beispiel die Produktion von Fleisch.

ZEIT ONLINE: Wie viel weniger? Können Sie das beziffern?

Bokelmann: Für jede Kalorie, die wir aus Hühnerfleisch zu uns nehmen, hat das Huhn vorher zwei pflanzliche Kalorien verbraucht, besagt der Weltagrarbericht. Für Schweinefleisch, Milch und Eier liegt das Verhältnis bei eins zu drei Kalorien; für Rindfleisch sogar bei eins zu sieben.

Milchprodukte, Eier und Fleisch zu essen ist also aus Sicht des Ressourcenverbrauchs streng genommen Verschwendung. Die einzige Ausnahme ist, wenn das Futter der Tiere von Flächen stammt, die nicht für den Ackerbau genutzt werden können. Dann können tierische Nahrungsmittel sehr wohl eine ressourceneffiziente Ergänzung zur pflanzlichen Ernährung sein.

Das Grundwasser in Rheinland-Pfalz ist an manchen Orten stark durch Düngemittel belastet.

ZEIT ONLINE: Aber auch Gemüseanbau kann umweltschädlich sein, wenn dadurch das Grundwasser belastet wird, so wie in Andalusien, wenn in Gewächshäusern Energie verschwendet wird, Plastikmüll entsteht oder zu viele Pestizide im Einsatz sind.

Bokelmann: Das Risiko, dass solche Probleme entstehen, ist immer dann besonders groß, wenn die Produktion sich räumlich konzentriert – wie in Andalusien. Das gibt es aber auch in Deutschland, zum Beispiel in Rheinland-Pfalz im Hinblick auf die Grundwasserbelastung.

ZEIT ONLINE: Was genau ist in Rheinland-Pfalz problematisch?

Bokelmann: Wegen des milden Klimas beginnt die Gemüsesaison in Rheinland-Pfalz früher als anderswo in Deutschland. Spargel, Salate, Radieschen, Möhren, Kohl, Kürbisse und viele andere Gemüsesorten werden dort auf großen Flächen angebaut. Das ist ein Vorteil, weil die Angebotssaison dadurch ausgeweitet wird. Es führt aber auch dazu, dass das Grundwasser an manchen Orten in der Region stark durch Düngemittel belastet ist.

ZEIT ONLINE: Aber dennoch ist es gut, wenn ich schon relativ früh im Jahr Gemüse aus Deutschland kaufen kann und nicht auf Möhren, Salat oder Gurken ausweichen muss, die über lange Strecken hierher transportiert werden – zumindest verursache ich dadurch nicht ganz so viel Energieverbrauch.

Sie müssten für jedes Produkt eine Ökobilanz erstellen.

Bokelmann: Wenn Sie es ganz genau wissen wollten, müssten Sie für jedes Produkt eine Ökobilanz erstellen – also beispielsweise für alle Tomaten, die aus einem bestimmten Gewächshaus in Andalusien stammen, oder für die Spargelernte eines ganz bestimmten Feldes in Rheinland-Pfalz. Sie müssten Energie, Wasser, Dünger und Pestizide zusammenzählen, die bis zur Ernte verbraucht werden; dazu kämen das Benzin für den Transport, die Energie für Lagerung und Kühlung, den Ausstoß an Treibhausgasen, den Müll durch die Plastikfolien, unter der Tomaten und Spargel wachsen, die Art der Müllentsorgung. Und von den Arbeitsbedingungen auf den Feldern haben wir da noch gar nicht gesprochen.

ZEIT ONLINE: Das ist doch völlig illusorisch. Kein Konsument kann das leisten.

Bokelmann: Ja, aber anders können Sie gar nicht beurteilen, welche der – zum Beispiel – Tomaten, die im Supermarktregal vor Ihnen liegen, am nachhaltigsten erzeugt worden ist. Eine Tomate aus Marokko etwa kann im Winter mit sehr viel weniger Energie produziert werden als eine Tomate in Deutschland. Dort hat sie das ganze Jahr über ausreichend Licht und Wärme, hier müssen die landwirtschaftlichen Betriebe beides in der Regel hinzugeben. Möglicherweise könnten bessere Informationen oder staatliche Label hier helfen.

ZEIT ONLINE: Dafür braucht der Transport der marokkanischen Tomate hierher wiederum viel Energie.

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"Bioprodukte sind nicht zwingend nachhaltiger"

Bokelmann: Wie das Gemüse transportiert wird, ist tatsächlich ein wesentlicher Faktor für seine Ökobilanz. Das müsste man alles gegeneinander aufrechnen, um verlässlich sagen zu können, welche Tomate nun umweltfreundlicher erzeugt wurde. Aber in der Praxis ist das schwierig. Tendenziell wird die Bedeutung des Transports für den Klimawandel allerdings überschätzt.

ZEIT ONLINE: Was ist mit dem Wasserverbrauch?

Bokelmann: Das ist in Marokko und in Andalusien generell ein großes Problem. Zwar gibt es Techniken zur sparsamen Bewässerung der Pflanzen, aber die werden eben nicht überall genutzt. Da ist wiederum Israel ein Vorreiter.

ZEIT ONLINE: Eine deutsche Supermarktkette hat gerade erklärt, künftig das ganze Jahr über Tomaten aus deutschen Gewächshäusern anzubieten. Das hätte durchaus Vorteile für die Umwelt: Geheizt werden soll mit Abwärme, die Transportwege wären vergleichsweise kurz, Wasser ist in Deutschland nicht so knapp wie in Südspanien. Was halten Sie von der Idee?

Bokelmann: Um wirklich beurteilen zu können, wie umweltfreundlich die Produktion dort ist, müsste man sich das genauer anschauen. Wenn die Gewächshäuser mit Abwärme beheizt werden, dann ist das gut. Allerdings brauchen die Tomaten im deutschen Winter relativ viel künstliches Licht, um zu gedeihen. Deshalb vermute ich, dass der gesamte Energieaufwand nicht sehr viel geringer sein wird als die Produktion in Spanien oder Marokko – und dass sich die ökologischen Vorteile daher doch in Grenzen halten. Oder sie sind gar nicht vorhanden.

Der Bioanbau braucht deutlich mehr Fläche, und der Transport von Biogemüse über weite Strecken ist auch nicht eben umweltfreundlich.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Bioprodukten?

Bokelmann: Die müssen nicht zwingend nachhaltiger sein als konventionell erzeugtes Gemüse. Der Bioanbau braucht aufgrund seines niedrigeren Ertragsniveaus deutlich mehr Fläche; er kann darüber hinaus in wasserarmen Regionen wie in Andalusien großen Schaden anrichten, und der Transport von Biogemüse über weite Strecken ist auch nicht eben umweltfreundlich.

ZEIT ONLINE: Wenn das alles so kompliziert ist, habe ich als Konsumentin dann überhaupt eine Chance, ökologisch korrektes Gemüse zu finden?

Bokelmann: Wenn Sie Gemüse essen möchten, das möglichst umwelt- und ressourcenschonend erzeugt wurde, dann sollten Sie sich in der Saison an regionales Freilandgemüse halten. Das geht aber nur von Mai bis Oktober. Danach wird es in Deutschland schwierig, und Sie müssen entweder ausländische Ware kaufen oder auf Gemüse zurückgreifen, das unter Folien oder in Gewächshäusern gewachsen ist – oder auf Wintergemüse wie Grünkohl, Rosenkohl beziehungsweise Arten, die man noch relativ einfach lagern kann, etwa Möhren. Will man ganzjährig Tomaten, Paprika, Salatgurken einkaufen, so wird man importierte Produkte kaum vermeiden können.

ZEIT ONLINE: Wo kaufen Sie selbst Ihr Gemüse ein?

Bokelmann: Gemüse besorgen wir meist im Supermarkt. Wenn wir uns zwischen regionalen Produkten und Bioware entscheiden müssen, dann lieber regional.

ZEIT ONLINE: Und wenn beispielsweise Tomaten gerade nicht regional erhältlich sind?

Bokelmann: Im Dezember und Januar verzichten wir vollkommen darauf. Wenn wir unbedingt Tomaten haben möchten, versuchen wir, solche deutschen Ursprungs zu finden. Zumindest als Faustregel. Wenn es die nicht gibt, dann kaufen wir welche aus Frankreich, Italien oder Spanien. Oder entscheiden uns vielleicht doch für deutsche Möhren.