Normalerweise bestimmt das Wetter, wann Obst und Gemüse vom Feld kommt. In diesem Jahr ist es der Mensch. Oder besser gesagt: jene Menschen, die nicht da sind. Immer mehr Bauern klagen, dass ihnen die Saisonarbeiter fehlen und dass ihnen Spargel und Erdbeeren auf den Feldern verderben, weil sie nicht schnell genug geerntet werden können. "Im Frühjahr dachten wir noch, alles würde ähnlich verlaufen wie letztes Jahr. Aber jetzt wissen wir: Es wird ernst", sagt Burkhard Möller, Hauptgeschäftsführer des landwirtschaftlichen Arbeitgeberverbands GLFA. "Es muss etwas passieren."

In Zahlen lasse sich die Misere noch nicht ausdrücken, aber es gebe allerorten viele, sehr viele Landwirte, die dem Verband meldeten: "Wir finden keine Erntehelfer." Das Statistische Bundesamt erhebt zwar jährlich, wie viele Saisonkräfte jedes Jahr nach Deutschland kommen, um den Spargel zu stechen, Beeren zu pflücken oder Kartoffeln zu ernten. Doch es veröffentlicht die Daten erst am Jahresende. Demnach nimmt die offizielle Zahl der Saisonarbeitskräfte bereits seit 2010 ab, von knapp 330.000 auf zuletzt 286.000. "Aber das war eher ein schleichender Prozess", sagt Möller. Ein Grund dafür war auch die zunehmende Technisierung. Man brauchte weniger Menschen.

Nun aber fragen Landwirte, wie sie die Saison mit so wenigen Mitarbeitern überstehen sollen. Vor allem die Bauern mit Spargel- oder Erdbeerfeldern haben ein Problem. 160.000 bis 180.000 Erntehelfer heuerten sie sonst jährlich an. In diesem Jahr aber, so ergab eine Umfrage des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE), gaben fast zwei Drittel der Betriebe an, die Verfügbarkeit von Saisonarbeitskräften habe sich "verringert", jeder fünfte Betrieb sagte sogar, es gebe "deutlich weniger" Helfer.

Die Gründe: Geld, Sicherheit, Arbeitsbedingungen

"Normale Pflücker gibt es viele, aber die Vorarbeiter fehlen uns", sagt Simon Schumacher vom Verband VSSE, "die guten Leute, die auch mal einen Trupp anleiten können und die bisher viele Jahre in Folge kamen." Wo sie geblieben sind? "Viele haben Arbeit bei Paketzustelldiensten gefunden oder auf dem Bau", so weiß Schumacher von den Mitgliedsbetrieben. "Die guten Arbeiter sind nicht nur mobil in den Beinen, sondern auch im Kopf." Zum einen zahlen die Paketdienste besser, nämlich zwei bis drei Euro mehr pro Stunde im Vergleich zu den 8,84 Euro Mindestlohn auf dem Feld. Zum anderen bedeuten die Jobs in Logistik oder Baubranche eine dauerhafte Beschäftigung – und nicht bloß drei Monate Einkommen im Jahr, wenn gerade Erdbeerzeit ist.

Etliche Saisonhelfer aus Polen, Rumänien oder Bulgarien seien diese Saison gar nicht erst zum Dienst angetreten, obwohl sie früher jahrelang auf bestimmten Höfen mitgeholfen hätten und oft schon im Winter Verträge unterzeichneten. Sie hätten stattdessen in ihrer Heimat Arbeit gefunden, wo neuerdings auch die Wirtschaft floriert, sagt Schumacher: "Dort verdienen sie etwas weniger, aber dafür können sie bei ihren Familien bleiben." Viele Arbeiter sähen so "nicht mehr die Notwendigkeit", für mehrere Wochen ihr Land zu verlassen, so glaubt der Geschäftsführer Hans Lehar von der Obst- und Gemüseabsatzgenossenschaft Baden. "Dass es in Osteuropa wirtschaftlich bergauf geht, ist sicherlich auch eine Folge der Saisonarbeit ", sagt Schumacher vom Anbauverband VSSE, "nun können sich die Leute daheim selber etwas aufbauen."

Suche nach Osten ausgeweitet

Osteuropas Wirtschaft wächst zurzeit so enorm, dass auch dort vielerorts schon die Arbeitskräfte knapp werden, so warnen die Handelskammern in vielen Ländern. Bulgariens Statistikämter meldeten zuletzt einen Rekordtiefststand bei der Arbeitslosigkeit mit rund sechs Prozent. Rumänien liegt bei rund 4,6 Prozent, Ungarn bei 3,7, in Tschechien herrscht quasi Vollbeschäftigung. Unternehmen in diesen Ländern klagen bereits, dass sie keine Mitarbeiter mehr finden, weil der Arbeitsmarkt leergefegt sei, weshalb sie sich schon gegenseitig die Beschäftigten abwerben.

Wenn sich osteuropäische Arbeiter dennoch auf einen Job in der Ernte einlassen, dann ziehen sie häufig an Deutschland vorbei. In Belgien oder den Niederlanden ist die Landwirtschaft ebenfalls ein wichtiger Sektor – aber der Mindestlohn liegt dort höher, bei rund 9,50 bis 9,70 Euro. Oder die Pflücker gehen nach Italien, sagt Verbandssprecher Schumacher, in den Weinbau oder Obstbau, "da arbeitet man stehend" und muss nicht dauergebückt oder auf Knien übers Feld robben. Besonders das lässt die Spargel- und Erdbeerernte hierzulande noch unattraktiver erscheinen.

Vorbild Weinbau?

Die Erdbeer- und Spargelbauern geraten unter Druck. Weil der Mindestlohn steigt, der starke Lebensmittelhandel aber die Preise niedrig hält, stellt sich für viele Landwirte die Frage, welches Obst und Gemüse hierzulande noch konkurrenzfähig angebaut werden kann. Erdbeeren werden immer öfter in Polen gezüchtet, oft von Ukrainern geerntet und dann nach Deutschland importiert. Gurken, die ähnlich pflückintensiv sind, kommen schon häufig aus Indien.

Es fehlen bilaterale Abkommen

Viele Landwirte haben ihre Suche nach Personal deshalb längst weiter nach Osten ausgeweitet, in die Ukraine oder nach Weißrussland. Solange mit der Ukraine aber noch keine Abkommen bestehen, ist es schwer, massenhaft Saisonarbeiter von dort anzuheuern. Dafür müssten erst die Regierungen tätig werden, was zwei bis drei Jahre dauern kann.

Auch in den Westbalkanstaaten wie Serbien und Bosnien gebe es Interesse an Jobs in Deutschland, sagt Simon Schumacher: "Die bekommen aber nur sehr schwer ein Visum." Oft müssten sie sieben bis zwölf Monate warten. "Das macht doch kaum einer mit, weder der Arbeiter, noch der Auftraggeber." Die Unterbesetzung der Visastellen sei der "Flaschenhals", der das System blockiere und zu extremen Wartezeiten führe. Der Landwirtschaftsverband GLFA fordert deshalb die Bundesregierung auf, neue bilaterale Abkommen zu schließen. Damit benötigten Kurzzeitarbeiter kein Extra-Visum mehr.

Kommen die Spargelstechroboter?

Nachvollziehbar finden die Verbände dagegen, dass deutsche Arbeitslose und Flüchtlinge kaum für die Erntehilfe zu begeistern sind. "Die meisten von ihnen suchen einen Job mit Perspektive, also einen dauerhaften Einstieg in den Beruf", sagt ein Landwirtschaftsvertreter, "und viele Asylbewerber wollen sich zuerst sprachlich integrieren. Das geht kaum, wenn auf dem Feld alle Bulgarisch oder Rumänisch reden."

Viele Bauern stellen nun ihre Erdbeerzucht um. Sie züchten hängende Erdbeeren, die man stehend ernten kann. Dazu müssen sie zwar viel investieren, aber der Ertrag ist größer und die Pflückleistung höher. Und mancher Landwirt hofft, dass es bald ähnlich läuft wie beim Wein. Auch da war die Personalnot mal groß. Inzwischen machen aber Maschinen einen großen Teil der Arbeit. Bei Winzern, die wirklich noch von Hand lesen, helfen oft wochenweise Freunde oder Bekannte aus dem Ort aus. Oder sogar Hofgäste, sagt Thomas Zeeh, Betreiber des Dienstleistungs- und Jobportals Winzer-Service, "viele Leute sehen die Weinlese ja eher als Spaß."

Vollautomatische Spargelstechroboter gibt es schon. Noch mähen sie gnadenlos alles nieder. Man müsste ihnen eben noch beibringen, ähnlich akkurat zu arbeiten wie ein menschlicher Erntehelfer.