Für Joe Kaeser scheint die Sache klar. Müsste sich der Siemens-Chef künftig entscheiden, ob er mit dem Iran Geschäfte macht oder mit den Vereinigten Staaten, so würde er wohl Amerika wählen. Im Iran betreibe Siemens schließlich ein "nicht so großes Business", sagte Kaeser noch vor ein paar Tagen in einem Fernsehinterview. Das war sehr euphemistisch formuliert, denn im Iran geht es um übersichtliche 130 Millionen Euro. Dieser Ertrag sei "nicht materiell", sagen auch Konzernsprecher, falle also beim Multimilliardenkonzern nicht weiter ins Gewicht.

Joe Kaeser ergänzte noch den Satz vom Primat der Politik. Die Politik setze also die Regeln. Und die schrieb US-Präsident Donald Trump vergangene Woche um, indem er das Iran-Abkommen einseitig aufkündigte. Seitdem ringen Europas Außenminister darum, wie das Atomabkommen dennoch zu retten ist – und was Amerikas Entschluss für die Unternehmen hierzulande heißt.

Am Dienstagabend verständigten sich die Außenminister von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die Außenbeauftragte der EU und Außenminister Irans darauf, unbedingt am Atomabkommen festhalten zu wollen. Auf den internationalen Vertrag hatten sich die Staaten Mitte 2015 zusammen mit Russland, China und den USA geeinigt. Das Ausscheren der USA heißt nun Folgendes: Trump kündigte schärfste Sanktionen für Unternehmen an, die künftig noch mit dem Iran handeln oder ihn mit Waren beliefern. Und diese Strafandrohung gilt – das ist das Schwierige dabei – nicht nur für amerikanische Firmen, sondern auch für europäische Unternehmen. Machen sie also weiter Geschäfte mit dem Iran, so dürfen sie ihre Produkte nicht mehr in Amerika vertreiben. Auch von amerikanischen Zulieferern sollen sie dann keine Ware mehr bekommen. Und keine Zahlungsströme mehr aus den USA erhalten. So lautet die Drohung.

Es geht um drei Milliarden Euro

Für Siemens hieße das: Mit den rund 130 Millionen Euro, die der Konzern zuletzt laut Geschäftsbericht mit langfristigen Iran-Geschäften erzielte, gefährdet er sein gesamtes US-Geschäft. Und das macht immerhin ein Fünftel seines Gesamtumsatzes von 83 Milliarden Euro aus. Gegen die 130 Millionen Euro aus dem Iran stehen also rund 17.000 Millionen Euro aus den USA. Ein Siemens-Sprecher drückt es so aus: "Fielen die Iran-Erträge weg, würde das nicht unsere Konzernprognose gefährden." Dagegen sind die Umsätze aus den USA lebenswichtig.

Ähnlich werden es andere Firmen handhaben, warnen Vertreter von Unternehmensverbänden. Deren Aussagen ähneln sich stark, egal ob man beim BDI nachfragt, beim Maschinenbauverband VDMA oder bei der DIHK: "Die jüngste Entscheidung des US-Präsidenten, die Irans-Sanktionen wiederzubeleben, trifft die deutsche Wirtschaft hart", sagt DIHK-Präsident Eric Schweitzer, "die deutschen Unternehmen, die wieder zahlreich im Iran-Geschäft engagiert sind, sind zutiefst verunsichert." Viele Geschäftsbeziehungen seien seit 2015 neu aufgenommen worden. Damit sei es nun erst einmal wieder vorbei. Etliche Mitglieder würden sich darauf vorbereiten, das Geschäft herunterzufahren, sagen andere Verbandsvertreter, die sich lieber nicht öffentlich äußern wollen.

Es geht für deutsche Firmen um drei Milliarden Euro insgesamt, das war die Summe der deutschen Exporte in den Iran im vergangenen Jahr. Damit machten die Unternehmen zwar 16 Prozent mehr Iran-Geschäft als im Jahr davor, doch "die großen Erwartungen, die wir noch 2015 hatten, haben sich nicht erfüllt", sagt ein Industrievertreter. Von einer Vervierfachung des Umsatzes bis 2018 schwärmten damals noch viele. "Es wäre auch deutlich mehr drin gewesen", sagt der Verbandsvertreter, "aber die weiter bestehenden Sanktionen haben das Geschäft enorm gebremst. Vor allem, weil es kaum Banken gibt, die solche Geschäfte finanzieren."

Die Gefahr ist groß, dass sich viele derjenigen, die sich bereits ins Land gewagt haben, wieder zurückziehen. Das gilt weniger für Mittelständler, denen sich im Iran ein ganz neuer Absatzmarkt für ihre spezialisierten Produkte bietet, aber stark für Großkonzerne wie Daimler oder VW, Total oder Nestlé, für die der Iran ohnehin nur ein kleiner Teil ihres globalen Geschäfts ist.