In der Tat mag der Zusammenhalt gestärkt werden, indem man sich einen gemeinsamen Gegner sucht. Dies gelingt ja auch bei einer Fußballweltmeisterschaft. Noch besser, scheinen einige Politiker zu glauben, funktioniert dies mit Geflüchteten oder Hartz-IV-Empfängerinnen und Empfängern. Wenn ein Markus Söder als Ministerpräsident Bayerns verordnet, dass Kreuze in öffentlichen Einrichtungen als Zeichen der kulturellen Identität aufgehängt werden, dann ist dies nicht nur ein Missbrauch des christlichen Glaubens, wie Kardinal Reinhard Marx beklagt. Das Aufhängen von Kreuzen in öffentlichen Einrichtungen ist explizit auch eine Ausgrenzung und Abgrenzung gegenüber anderen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die nicht gläubig oder anders gläubig sind. Ebenso ausgegrenzt wird eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe, wenn einige aus der CDU fordern, man möge Hartz IV für unter 50-Jährige abschaffen, damit diese Menschen sich wieder anstrengen und nicht soziale Leistungen ausnutzen – eine Diskussion, die Gesundheitsminister Jens Spahn losgetreten hat mit seiner Behauptung, Hartz IV bedeute nicht Armut.

Politiker auf der Suche nach Stimmenfang

Kurzfristig mag diese Strategie der Ausgrenzung der Schwächsten unserer Gesellschaft sogar funktionieren und Politikerinnen und Politikern einen Stimmenfang ermöglichen. Seehofer und viele in seiner Partei machen Migranten zu Sündenböcken, weil diese zu den Schwächsten der Gesellschaft zählen und keine Stimme haben oder sich verteidigen können.

Langfristig wird diese Ausgrenzung jedoch nicht die richtig diagnostizierte gesellschaftliche Polarisierung abschaffen. Denn sie ändert nichts am sozialen oder wirtschaftlichen Abgehängtsein und letztlich auch nichts am fehlenden gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ganz im Gegenteil, eine solche Strategie wird die Spaltung lediglich vertiefen und verstetigen.

Ein ehrlicherer Ansatz, um gesellschaftliche Polarisierung zu reduzieren und Zusammenhalt zu stärken, kann nur über mehr Chancen und Teilhabe gerade der schwächsten Gruppen der Gesellschaft gelingen. "Heimat" und "Werte" können nicht von der Politik verordnet werden. Die von Horst Seehofer beschriebene Überforderung durch eine "Freiheit ohne Ordnung" lässt sich nicht über eine Einschränkung der Freiheit und eine staatliche Vorgabe von Wertvorstellungen lösen. Dies kann nur gelingen, wenn Vielfalt und Pluralität von Wertvorstellungen geschätzt und vor allem die gesellschaftliche Teilhabe für die Schwächsten verbessert werden. Ein "neuer Zusammenhalt" erfordert eine kluge Sozialpolitik, eine deutlich bessere Bildungspolitik und ein gezieltes Bekämpfen aller Formen von Diskriminierung von Individuen und einzelner Gruppen: von Frauen im Arbeitsmarkt bis hin zu Zugewanderten in der Bildung.

Deutschland hat einen exzellenten Wertekompass, nämlich das Grundgesetz. Kreuze in öffentlichen Einrichtungen, Polemik gegen Zugewanderte und ein Herabstufen von Armut und Hartz-IV-Empfängerinnen und Empfängern helfen nicht dem Zusammenhalt, sondern spalten die Gesellschaft weiter.