Für Granite City im US-Bundesstaat Illinois kann der 1. Juni nicht schnell genug kommen. Um Mitternacht enden die Ausnahmeregelungen, die Hersteller in Europa, Mexiko und Kanada bislang vor Zöllen auf Stahl- und Aluminiumimporte bewahrt haben. Während sich die internationalen Verbündeten vor den Folgen der Entscheidung fürchten, herrscht unter Amerikas Produzenten angesichts des beherzten Eingreifens aus Washington neuer Optimismus.

United States Steel Corp., der größte Hersteller in der Region rund um Granite City, hat vor Kurzem erst 500 neue Arbeiter eingestellt und kündigte an, die Produktion in einem Hochofen wieder aufnehmen zu wollen, der seit 2015 stillstand. Man wolle damit frühzeitig auf die steigende Nachfrage reagieren, mit der man nach der Einführung der Importzölle rechne, hieß es in einer Mitteilung, nachdem das Weiße Haus die Importzölle in Höhe von 25 Prozent für Stahl und zehn Prozent für Aluminium angekündigt hatte.

Für die Stadt mit ihren knapp 30.000 Einwohnern sind die Jobs in der Stahlbranche überlebenswichtig. Seit der Schutz vor ausländischer Konkurrenz unter dem McKinley Tariff Act aus dem Jahr 1890 erstmals vom Staat zugesichert wurde, bestimmt die Stahlbranche das Leben in Granite City. Zwar war die Arbeit in den Werken hart, doch kaum eine Industrie zahlte höhere Löhne für Menschen ohne College-Abschluss. In den Siebzigerjahren, zum Höhepunkt des amerikanischen Stahlbooms, stieg die Zahl der Einwohner auf rund 40.000.

Stahlpreise steigen stärker als im Ausland

Seitdem aber ging es der Region wie vielen anderen im Land, die sich seit Jahrzehnten auf die Stahlindustrie gestützt hatten. Die Produktion wanderte entweder ins Ausland ab oder wurde von kleineren, moderneren Herstellern übernommen, die mit weniger Arbeitern auskamen. Die Arbeitslosigkeit stieg, einige der alten Produktionsstätten mussten stillgelegt werden. Der Frust gegen die Globalisierung wuchs mit dem Abschwung, und Donald Trump gewann die Region um Granite City bei der Präsidentschaftswahl 2016 mit einem Vorsprung von 15 Prozent.

"Für die Stahlfirmen haben sich die Zölle schon jetzt mehr als bezahlt gemacht", sagt Gary Hufbauer vom Peterson Institute for International Economics. Die Preise auf Stahl aus der heimischen Produktion seien seit der Entscheidung im März deutlich stärker gestiegen als im Ausland.

Auch anderswo im Land scheint sich der Trump-Effekt zu zeigen. Der börsengelistete Produzent Nucor hat seit dem Bekanntwerden von Trumps Plänen gleich zwei neue Investitionen angekündigt, die Teil einer langfristigen Wachstumsstrategie seien. Die Auswirkungen würden wohl noch größer sein, wenn die Ausnahmeregelungen für die verbliebenen Länder fallen, hieß es in einer Mitteilung. Auch der Aluminiumhersteller Century in Kentucky kündigte gerade an, die Kapazität seines Werkes zum ersten Mal seit Jahren wieder auszuschöpfen. Das Unternehmen plant Investitionen von 150 Millionen Dollar und will 300 neue Stellen schaffen.

In der Region rund um Kentucky, Ohio und West Virginia gibt es 220 Stahl- und Aluminiumfabriken, die rund 44.000 Amerikaner beschäftigen und auf den Aufschwung durch die Zölle hoffen. Doch zahlreiche Branchen, die auf Stahl und Aluminium für ihre Produktion angewiesen sind, fürchten sich vor höheren Kosten und einem Engpass durch die Importzölle. Lebensmittelproduzenten hatten in den vergangenen Wochen vor deutlichen Preisanstiegen von dosenverpackten Lebensmitteln gewarnt. Die Kosten würden vor allem ärmere Verbraucher treffen. Wettbewerber aus dem Ausland könnten zudem von den Zöllen profitieren, wenn sie Lebensmittel importieren, die bereits in Dosen verpackt ins Land kommen, weil diese von den Zöllen wohl ausgenommen bleiben.

Fertigung in den USA lohnt sich nicht immer

Eine langfristige Kehrtwende für die angeschlagene US-Stahlindustrie dank der Zölle halten viele Branchenkenner und Analysten trotz der ersten Erfolgsmeldungen für unwahrscheinlich. Die Vorteile für die Produzenten seien gering und vorübergehend, während die Nachteile nachhaltig zu spüren sein würden, schrieb Benjamin Zycher vom konservativen American Enterprise Institute im Magazin National Review. Die Investmentbank Goldman Sachs stufte die Aktie des Herstellers AK Steel gerade trotz der staatlichen Nothilfe herab – und prophezeite in einem Schreiben an Investoren für die kommenden Monate weitere Verluste. Seit Jahresbeginn ist das Papier von ohnehin mageren 6,25 Dollar auf unter fünf Dollar gefallen.

Hinzu kommt, dass es sich für US-Hersteller kaum lohnt, die Fertigung bestimmter Stahlprodukte hochzufahren, weil nun die Lieferungen aus dem Ausland fehlen. Stahl, der etwa in der Energieproduktion für Bohrköpfe, Pipelines oder in Schmelzwerken eingesetzt wird, ist in der Produktion aufwendiger und damit teurer – und er hat deutlich geringere Margen als jener in der Autobranche, im Bau oder in Haushaltsgeräten. Ein Großteil der Stahllieferungen für den Energiesektor kommt deshalb bislang aus dem Ausland, vor allem aus China. Sollten die US-Hersteller einspringen müssen, sagen Kritiker wie Zycher, würden die Preise für heimische Energieunternehmen deutlich steigen und den positiven Effekt so auffangen.

Mit ihrem Kurswechsel in den vergangenen Wochen hat die US-Regierung selbst dafür gesorgt, dass der neue Optimismus vorzeitig ausgebremst wurde. Eine Annäherung zwischen den Regierungen in Washington und Peking hatte bei den Produzenten die Sorge wachsen lassen, die Regierung könne auch dem Druck der anderen Partner nachgeben. Dass die Aktien von Unternehmen wie US Steel oder Nucor seit Jahresbeginn nur um 1,6 Prozent gestiegen sind, schieben Kenner unter anderem auf die Ausnahmeregelungen für zahlreiche Länder.

Er fürchte, dass die Länder weitere Verzögerungen nutzen könnten, um große Mengen an Produkten auf dem US-Markt "abzuladen", sagte Roger Newport, Chef von AK Steel in Kentucky, vor wenigen Tagen dem Radiosender NPR. "Uns wäre es lieber, wenn die Entscheidung nicht weiter aufgeschoben würde." Dass das Weiße Haus den Ton gegenüber der Regierung in Peking ausgerechnet wenige Tage vor Ablauf der Frist nun verschärft und eine ganze Reihe neuer Zölle gegen Einfuhren aus China angekündigt hat, werten deren Befürworter als gutes Zeichen auch für den Umgang mit Europa.